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Hirnschrittmacher gegen Depression – kann das helfen?

Foto: Anna Shvets von pexels.com

Ich liege auf dem OP-Tisch, warm eingekuschelt in Decken und langsam tropft das Morphin in meine Venen und mein Kopf wird müde, mein Körper entspannt sind. In ein paar Minuten werde ich „weggedriftet“ sein. Dann werden 2 Löcher in meinen Schädel gebohrt, feine Drähte ins Gehirn geschoben und unter dem Schlüsselbein eine Batterie eingesetzt. Ein langer Weg liegt hinter mir, gesäumt von vielen kleinen Erfolgen und vielen großen Enttäuschungen.

Alexander Liedtke ist Arzt, Gründer von depribuddy und hat sich gegen seine bipolare Erkrankung Hirnschrittmacher einsetzen lassen. Hier erzählt er von seinem Leben mit Depression und dem Hirnschrittmacher. 

Leben mit der Depression

Seitdem ich denken kann, hatte ich depressive Episoden. Diese waren anfangs nur wenige Tage und reichten von Gefühlen der inneren Leere über Lustlosigkeit, dem Drang mich einzuigeln und heftigem Weinen.

Während der Pubertät wurde es schlimmer. Aber es war auch irgendwie normal. Es schien zu mir zu gehören. Die Symptome überkamen mich wie ein heftiger Herbststurm. Dann schien alles wieder normal zu sein.

Erst im Medizinstudium fiel mir auf, dass das, was ich durchlebe nicht normal ist, sondern eine Krankheit. Wir hatten gerade die psychischen Erkrankungen durchgenommen. Als wir bei Depressionen angelangt waren, schluckte ich innerlich und verglich meine Symptome mit denen am Whiteboard. Sie stimmten weitestgehend überein.

Ich begann meine erste Psychotherapie, hatte erste stationäre Aufenthalte. Diagnostiziert wurde ich schließlich mit der Bipolar-II-Erkrankung – also einer manisch-depressive Erkrankung mit nur leichten Hochphasen, „Mini-Manien“.

Ich bekam Medikamente. Sie wirkten nicht. Ich bekam neue Medikamente. Sie halfen nur wenig. Ich machte eine neue Psychotherapie, verbrachte drei Monate auf Station. Wieder neue Medikamente. Wieder Station. Dann Tagesklinik. Neue Psychotherapie, neue Medikamente. Tagesklinik.

Selbsttherapie mit Antidepressiva

Und dann plötzlich ging es mir besser. Ich hatte gerade ein neues Medikament ausprobiert. Die Wirkung hielt ein paar Tage an und gab mir Hoffnung. Ich begann die Dosis des Medikamentes zu erhöhen, zunächst bis zur maximal empfohlenen Dosis, dann darüber hinaus.

Meine Stimmung normalisierte sich, der Antrieb auch. Ich war geheilt – dachte ich. Jede Aufnahme, Beendigung und Änderung einer Therapie mit Antidepressiva sollte in Absprache mit dem behandelnden Arzt bzw. der behandelnden Ärztin erfolgen!

Die zu hohe Dosis des Medikamentes löste bei mir eine akute Psychose aus. Ich bekam Verfolgungswahn und sah Lichtblitze. Doch kaum war die Psychose abgeklungen, war ich wieder bei meinem „Erfolgsmedikament“.

Es machte mich innerlich unruhig, ließ meinen Blutdruck in extreme Höhen steigen, aber es besserte stundenweise meine Erkrankung. Nach jeweils vier Stunden war die Wirkung vorbei und ich brauchte die nächste Dosis. Ich war abhängig geworden, von meinen vermeintlichen „Wunderpillen“.

Irgendwann hatte meine Psychiaterin mich überzeugt, das Medikament abzusetzen – auch hatte ich Angst, irgendwann einen Schlaganfall zu erleiden.

Elektrokrampftherapie und Ketamin

Mir wurde vorgeschlagen, die EKT (Elektrokrampftherapie) auszuprobieren. Bei der EKT wird unter Narkose ein epileptischer Anfall ausgelöst. Ähnlich wie bei einem „Reset“ am Computer soll durch den künstlich herbeigeführten Anfall, das Gehirn wieder in „gesunde Bahnen kommen“.

12 Mal ließ ich das über mich ergehen. Es half jedoch nur geringfügig. Dann bekam ich Infusionen mit Ketamin. Dieses Narkosemittel hilft oft akut bei schweren und suizidalen Depressionen – aber leider nicht jedem bzw. jeder.

Der Weg zum Hirnschrittmacher

Im Schnitt dauert eine Depression 10 Jahre bei denen, wo die tiefe Hirnstimulation in Frage kommt. 100 Stunden Psychotherapie, über 15 Medikamente, EKT, MAO-Hemmer, Ketamin, unzählige teil- und vollstationäre Aufenthalte liegen hinter jenen Patienten und Patientinnen.

Das Zentrum für biologische Psychiatrie in Freiburg behandelt in Studien Patienten und Patientinnen mit der tiefen Hirnstimulation. Zwei Dritteln der Patienten und Patientinnen kann dadurch nachhaltig geholfen werden.

Die Studienergebnisse sind klar. Unklar ist, wie und wieso die tiefe Hirnstimulation wirkt. Bei dem Verfahren werden zwei hauchdünne Elektroden tief ins Gehirn platziert. Über einen Generator, der unter das Schlüsselbein platziert wird, geben die Elektroden kontinuierlich Strom an das umliegende Hirngewebe ab.

Dabei wird vor allem das sogenannte mediane Vorderhirnbündel stimuliert, welches eine wichtige Rolle in der Wahrnehmung von Freunde und Belohnung zu spielen scheint.

Meine Hoffnung

Doch das alles kümmert mich nicht. Mich kümmert, dass in meinem Kopf jetzt zwei feine Drähte liegen und unter meinem Schlüsselbein ein kleines Gerät mit Batterie. Meine Hoffnung.

Meine Hoffnung auf Besserung, auf Stabilität, vielleicht auf ein Leben ohne Depressionen? Ein Leben, wo ich wieder als Arzt werde arbeiten können? Ich weiß es nicht. Im Moment ist viel Hoffnung da. Und das ist, was zählt.

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