Rike van Kleef über Ungleichheit, Leistungsdruck und psychische Gesundheit in der Musikbranche
In der zweiten Folge von „Kopfsalat“ spricht Moderator Sven Haeusler mit Autorin und Journalistin Rike van Kleef über die Musikbranche, die sie aus unterschiedlichen Perspektiven kennt: als ehemalige Bookerin, als Kulturarbeiterin und heute als Autorin des Buches „Billige Plätze“, für das sie zahlreiche Interviews zu Ungleichheiten in der Musikindustrie geführt hat. Persönlich wird sie dabei auch deshalb, weil sie offen erzählt, wie das berufsbedingte permanente Unterwegssein, fehlende Erholungsräume und ständiger Erwartungsdruck sie in eine depressive Episode geführt haben. Für sie ist das kein individuelles Problem, sondern Ausdruck struktureller Zustände.
Denn die Musikindustrie, so beschreibt es Rike van Kleef, ist nach wie vor von Geschlechterungleichheiten, Machtgefällen und Ausschlüssen geprägt. Als sie damals über Praktika ihren Einstieg in die Branche suchte, traf sie kaum auf FLINTA*-Personen, und wenn, dann häufig in assistierenden Rollen. Der Touralltag und Arbeitsbedingungen seien entsprechend auf Männer zugeschnitten: „Und das führt dazu, dass man einen schlechteren Verhandlungsstand hat, nicht ernst genommen wird“, schildert sie. Nicht selten begleitet von sexistischen und diskriminierenden Erfahrungen.
Verstärkt werde diese Realität durch aktuelle Entwicklungen: „Wir sehen, dass die Branche immer schneller geworden ist und dass es inzwischen über Social Media und über das Streaming einen konstanten Performance-Druck gibt, sowohl für die Künstler*innen, aber auch für die Menschen hinter den Kulissen, die das umsetzen müssen.“ Plattformen und Algorithmen erhöhen den Druck weiter: „Das führt dazu, dass das Verhältnis von Anspannung und Entspannung nicht mehr existiert.“ Stattdessen gäbe es einen psychisch belastenden Dauerstress und wenig Raum, überhaupt noch kreativ zu sein.
Für Rike van Kleef beginnt Veränderung mit Sichtbarkeit und Austausch. „Mit etwas allein zu sein, ist sehr belastend“, sagt sie. Über Belastungen zu sprechen, Stressoren klar zu benennen, strukturelle Ursachen offenzulegen – und auch cis-Männer in der Branche dafür zu sensibilisieren – sind für sie erste Schritte hin zu Solidarität und zu einer Musikbranche, die mentale Gesundheit nicht weiter verschleißt, sondern ernst nimmt.
Die sechste Staffel wird gefördert durch die Deutsche DepressionsLiga e.V. und die DAK Gesundheit.