Heute ist Freitag. Das ist schon mal eine feine Sache!

Darf ich heute mal persönlich werden?
Keine Sorge, ich werde Sie weder auffordern, etwas für mich zu tun, noch werde ich Sie bitten, meine Tanzkarte anzunehmen. Es geht um etwas ganz anderes. Ich hatte in der letzten Woche Geburtstag. Das, was für viele andere Silvester ist, ist für mich der Geburtstag. Zeit, sich einmal umzuschauen und zu entscheiden, was mit in das neue Lebensjahr soll und was nicht.

Meine Frau und meine Familie mache ich jedes mal wahnsinnig, weil ich mir nie etwas wünsche. Ich feiere ihn auch nicht. Nie. Zumindest nicht an diesem Tag. Warum es etwas später doch immer noch eine kleine Feier gibt, erfahren Sie gleich.
Doch zuerst möchte ich Ihnen noch einige Dinge erzählen: Ein paar Tage vor diesem Datum im Februar verfalle ich regelmäßig in Grübelei. Keine traurige oder deprimierende Grübelei, ich gehe in Gedanken das vergangene Jahr durch und denke über die traurigen und glücklichen Momente nach. Ich frage mich, ob ich mich noch mag. Ob ich die Dinge mag, die ich tue. Ob ich den guten Dingen, die mir widerfahren sind gerecht werde, oder sie für selbstverständlich nehme. Ich schaue genau auf meine dunklen Erfahrungen und Fehler, die ich gemacht habe. Das ist nicht unbedingt der angenehme Teil. Schon gar nicht für einen Ratgeber-Autoren, der keine Ratgeber mag. Aber man kann es überleben. Wenn ich das Jahr also Revue passieren lasse, dann gab es viele Ereignisse, die ich unter „Leben und wie es einen manchmal so ran nimmt“ verbuche. Es gab Momente, in denen ich mir (mal wieder) sicher war, irgendwie mit dem falschen Fuß auf die Welt gekommen zu sein. Es gab Ereignisse, die mich hilflos und verzweifelt haben dastehen lassen. Aber es gab auch unglaublich viel Gutes. Und es gab viel Gutes, dass erstmal richtig übel nach Mist aussah und auch auf den zweiten Blick nicht sofort gezeigt hat, dass es am Ende was ganz Feines werden würde.

Zwei spannende Zitate habe ich mir jedoch schon am Anfang des vergangenen Lebensjahres ganz vorne in mein Skizzenbuch geschrieben, die mir das ganze Jahr hindurch als Inspiration gelten sollten. Das eine habe ich an einer etwas heruntergekommenen Wand in Berlin Mitte, in einer kleinen Parallelen der Friedrichstraße gelesen. Sollten Sie noch nicht volljährig sein, so lesen Sie jetzt bitte weg. Ohne Angabe eines Urhebers stand – und steht dort vermutlich immer noch – folgender Spruch: „Wenn das Leben Dich fickt, warte doch einfach mal ab, ob es hinterher noch kuscheln will.“ Es gefiel mir so gut, dass ich es ohne weiter nachzudenken auf der Innenseite des Deckels meiner Zitatesammlung geschrieben habe.

Die Grundidee dieses Spruches deckt sich in weiten Teilen mit der Idee meines kleinen Ratgebers, den ich kurz zuvor zur Veröffentlichung eingereicht hatte. Das zweite Zitat, das den Weg auf die Innenseite meines Sammelbüchleins geschafft hat, stammt von Francis Bacon. Der umstrittene britische Philosoph, Politiker und Forscher soll Folgendes gesagt haben: „Nicht die Glücklichen sind dankbar. Es sind die Dankbaren, die glücklich sind.“ Das wiederum ist ein interessanter Gedanke. Und er ist wahr. Sich seiner Dankbarkeit bewusst zu werden bedeutet neben der dazu nötigen Beschäftigung mit den schönen Dingen nämlich auch, dem Grund für die Dankbarkeit Zeit einzuräumen. Zeit, die dann nicht mit Sorgen, Grübeleien oder Ärgernissen verbracht werden kann. Und es ist ja auch wirklich sinnvoll, sich einmal ausführlich mit den guten Dingen des letzten Jahres zu beschäftigen. Mit Ärgernissen verbringen wir ja schließlich auch viel Zeit. Und dann ist der Schluss nicht weit, mal zu schauen, was so die Gründe für die guten Dinge waren. Dies sind die Sachen, die man unbedingt mitnehmen sollte ins neue Lebensjahr.
Deshalb feiere ich doch jedes Jahr eine kleine Party. Meist etwa eine Woche nach meinem Geburtstag. Dazu lade ich alle die ein, die mir mein vergangenes Lebensjahr verschönert haben und danke ihnen für ihre Freundschaft. Denn Freundschaft ist zumindest laut Elbert Hubard, auch nicht ganz einfach.
Er sagte: „Ein Freund ist einer, der alles von Dir weiß – und Dich trotzdem liebt.“
Da kann man schon mal danke sagen! Noch etwas, wofür ich sehr dankbar bin, sind Sie. Sie Lesen meine Kolumne, vielleicht schmunzeln Sie sogar ab und an. Dafür bin ich Ihnen sehr dankbar. Und das macht mich glücklich!
Deshalb habe ich nun doch eine Frage an Sie:

Darf ich Sie, lieber Leser und liebe Leserin, mit in mein neues Lebensjahr nehmen?

Ich gelobe auch feierlich, keine Langweiligkeiten zu schreiben! Und vielleicht inspiriert es Sie ja auch, sich an Ihrem nächsten Geburtstag ähnliche Gedanken zu machen.

Ein sauschönes Wochenende wünscht
Philipp S. Holstein

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Das Buch zur Kolumne, die Kolumne zum Buch
Glücklich werden ohne Ratgeber – Ein Ratgeber


Unser Kolumnist Dr. Phil ist auch bekannt als Autor Philipp S. Holstein und hat das Buch “Glücklich werden ohne Ratgeber. Ein Ratgeber” geschrieben.

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