Heute ist Freitag. Das ist schonmal eine feine Sache!

Wie letzte Woche bereits angekündigt, war in der Umfrage auf meiner Facebookseite (facebook.de/psholstein) die Frage nach dem Umgang mit dem Verlust geliebter Personen der am meisten favorisierte Themenvorschlag. Nun, da in zwei Tagen Volkstrauertag ist, ist vielleicht tatsächlich kein so schlechter Zeitpunkt, sich einmal mit dieser Frage auseinanderzusetzen.

Nachdem ich nun so oft behauptet habe, dass es meist in Ihrer Hand liegt, eine Situation zu bewerten, werden Sie jetzt voller Empörung denken: „Was für ein Blödsinn, wenn ich eine schlimme Diagnose erhalte, oder ein naher Verwandter oder Freund stirbt, ist es wohl kaum meine Entscheidung, ob ich es zu etwas Gutem werden lasse“. Und damit haben Sie absolut recht.
Wir alle werden in unserem Leben mit Situationen konfrontiert, die uns aus der Bahn werfen oder schwer erschüttern. Die uns fürchterlich traurig oder verzweifelt dastehen lassen. Diese Dinge können wir nicht beeinflussen. Sie gehören zum Leben und definieren am Ende das Delta zwischen Freud und Leid. Das kann der Tod eines geliebten Menschen sein, manchmal ist es aber auch eine selbst erlittene schwere Diagnose oder die Erkrankung einer nahestehenden Person.
Gleichzeitig ist das, was wir in so einem Moment erleben, die wohl radikalste Form der Distanzierung von dem, was wir eigentlich für „das echte Leben“ gehalten haben. Dinge, die uns wahnsinnig wichtig und allumfassend vorkamen, erscheinen plötzlich nebensächlich. Traurigkeit vermischt sich mit Gefühlen von Schuld und Wut. Und über allem steht der Verlust. Der Verlust eines geliebten Menschen, vielleicht eines Vorbildes oder „Wegweisers“, eines Partners oder sogar – wenn man selber eine schwere Diagnose erhält – der eigenen Perspektive.

Vielleicht könnte man dieses Thema also noch einen Schritt weiter denken: Wie können wir mit Situationen umgehen, in denen es uns deutlich wird, dass niemand – uns unangenehmerweise mit eingeschlossen – ewig leben wird?
Diese Situationen haben zwei Seiten. Zum einen das bereits angesprochene Bewusstwerden der eigenen Endlichkeit, zum anderen die Erkenntnis, dass in Zukunft etwas fehlen wird, oder – und das ist ungleich schwerer – der Gedanke, dass es keine Zukunft geben wird – zumindest nicht so, wie es geplant war.
Auch hier hilft die Frage der Integration. Wie kann ich eine schreckliche Situation „gewinnbringend“ in mein Leben einbauen? Gewinnbringend ist in diesem Falle emotional gemeint. Natürlich ist eine solche Erfahrung zunächst mal ein Schock und jeder, der behaupten würde, es sei „gar nicht so schlimm“ irrt sich. Die Trauer einfach wegzuignorieren würde ja auch bedeuteten, dem Verstorbenen, dem eigenen Leben oder der eigenen Planung den Wert abzusprechen. Aber – und das ist der wesentliche Punkt – das bedeutet nicht, dass es aufhört, weiterzugehen.

In jedem Falle bedeutet der Moment dieses Erlebnisses Folgendes:
Ja, es werden sich Dinge ändern.
Nein, meine Planung wird sich aller Voraussicht nach nicht erfüllen.
Aber: Das bedeutet nicht, dass ich nun die Zügel aus der Hand geben muss.

Das eigene Leben ist zunächst mal –objektiv betrachtet – doch recht bedeutungslos. Das Universum hat Jahrmillionen ohne uns ausgehalten und wird es nachdem wir nicht mehr da sind, weitere Millionen Jahre ohne uns schaffen. Das was dem einzelnen Leben Wert verleiht ist empfundene Freude, geteilte Freude und gelebtes Leben.
Im Grunde zeigt die Trauer über den Verlust eines geliebten Menschen also nur eines: Sie sind ein glücklicher Mensch. Sie haben etwas erlebt, was nicht jedem vergönnt ist. Es gab einen Menschen, der Ihnen nahe stand. Den Sie bewundert haben, oder den sie sogar geliebt haben. Diese Beziehung wird vermutlich nicht einseitig gewesen sein. Also beweist Ihre Trauer schon zum zweiten Mal, dass Sie ein Glückspilz sind: Sie wurden von einem Menschen so nah herangelassen, dass er diese Wirkung auf Sie entfalten konnte. Nun ist dieser Mensch nicht mehr da. Wirklich?

Bert Brecht sagte: “Der Mensch ist erst wirklich tot, wenn niemand mehr an ihn denkt“. Vielleicht liegt es in Ihrer Hand, dafür zu sorgen, dass das, was Sie an dieser Person so schätzten, weiter auf der Erde bleibt.
Was können Sie tun, damit diese Person nicht vergessen wird?
Was soll in Ihnen weiterleben?
Erinnern Sie Sich noch an die Kolumne von vorletzter Woche?

Goethe sagt, der Mensch unterscheidet sich dadurch vom Tier, dass er „dem Augenblick Dauer“ verleihen kann. Dieser – global gesehen – kurze Augenblick des Lebens, den ein Mensch auf der Erde verbringt, kann zu einem dauerhaften werden. Durch Sie. Trauer zeigt vor Allem eins: Es gab etwas Gutes.
Ähnlich ist mit der schmerzhaften Wahrheit möglich, die eine eigene Diagnose bedeutet: Wenn es denn tatsächlich so ist, dass Ihre Zeit begrenzt ist (und das ist sie bei uns allen, wir denken nur nicht daran), was hält Sie davon ab, diese Zeit zu etwas Besonderem werden zu lassen? Denken Sie mal an die Zeit als Kind. Ihre Eltern haben gesagt: Du darfst noch eine Stunde Spielen gehen. Was haben Sie getan? Gesagt „och, wenns nur eine Stunde ist, bleib ich gleich am Schreibtisch und mach Hausaufgaben“? oder haben Sie versucht, in dieser einen Stunde alles zu erleben, was möglich war?

Am Ende ist es so, dass keiner weiß, wie lange er noch zu leben hat. Also kosten Sie jeden Moment voll aus. Versuchen Sie doch einfach, die Zeit, die sie haben, mit Leben zu füllen. Anstatt immer zu versuchen, das Leben mit Zeit zu füllen. Vielleicht ist – auch in der Trauer – ein wenig Dankbarkeit angebracht. Schlussendlich habe ich – durch meine ärztliche Arbeit auf Palliativstationen und persönliche Erlebnisse – gelernt, dass Arthur Schnitzler recht hatte, als er sagte: “Am Ende zählt doch nur, was wir getan und gelebt haben, nicht, was wir ersehnt haben.“ Also gibt es eine einfache und von jedem umsetzbare Möglichkeit, mit Trauer und Verlust umzugehen: Erinnern, Denken und Leben Sie gegenan. Und erfreuen Sie sich an jedem Augenblick, der Ihnen gegeben ist.

Eine sauschöne Woche wünscht D. Phil.

 

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Das Buch zur Kolumne, die Kolumne zum Buch
Glücklich werden ohne Ratgeber – Ein Ratgeber

Unser Kolumnist Dr. Phil ist auch bekannt als Autor Philipp S. Holstein und hat das Buch “Glücklich werden ohne Ratgeber. Ein Ratgeber” geschrieben.

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