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Danke, Borderline – Grazie, Abhängigkeit – Merci, Depression

Ja, richtig gelesen. Ich bedanke mich bei meinen psychischen Krankheiten. Bei meiner Borderline-Persönlichkeitsstörung, bei meiner Alkoholabhängigkeit, bei meiner Depression. Die drei begleiten mich seit meiner Jugend. Mit mittlerweile Anfang 30 bedeutet das, dass ich mehr als mein halbes Leben mit ihnen verbracht habe.

«Danke» sage ich aber erst seit wenigen Monaten. Denn je weiter ich auf meinem Weg gehe, je mehr ich verstehe und lerne, übe und ändere, desto besser werde ich darin, auch die positiven Seiten an meiner Geschichte und meinen Erfahrungen zu sehen. Das lässt die negativen Seiten nicht verschwinden. Es löscht nicht die Momente, Tage und Phasen, in denen ich keine Lust mehr habe, zu kämpfen, die, in denen ich mich einfach nur verkriechen, aufgeben, anders sein möchte. Aber auch – oder vielleicht besonders dann – hilft diese Dankbarkeit, nicht komplett in der Hoffnungslosigkeit zu versinken.

Mein Weg zum Danke

Das ging weiß Gott nicht von heute auf morgen. Das war ein langer Prozess. Ein Prozess, in dem ich viel gelitten, geflucht, geschimpft, geweint und gekämpft habe; in dem ich versucht habe, mich selbst zu zerstören; Verzweiflung und Suizidgedanken meine ständigen Begleiter waren; in denen ich jahrelang eine Maske getragen, ein Doppelleben geführt, mich verstellt, versteckt und geschämt habe.

Es vergingen knapp zehn Jahre bis ich erfuhr, dass ich nicht komisch, schwach, anders, falsch, dumm bin, sondern krank. Ab dem Zeitpunkt, an dem ich meine Diagnosen bekam, änderte sich alles. Wenn auch nicht sofort. Aber ich hatte nun einen Ansatzpunkt zur Veränderung. Bis zum Danke dauerte es weitere fünf Jahre. Fünf Jahre, in denen ich viel Zeit und Arbeit in mich steckte, Therapien machte, mehr und mehr über mich und meine Begleiter lernte und verstand, in denen es Rückschläge und Fortschritte gab, in denen ich einfach nur «normal» sein wollte, wie alle anderen.
Und dann, plötzlich, vor wenigen Monaten, nach 15 Jahren krank, nach 5 Jahren harter Arbeit, schlich sich das erste Mal ein «Danke» an. Ich hab es weder gleich erkannt noch sofort verstanden. Aber nach und nach kam zu all dem Kämpfen, zu all dem Leid, zu all den Kompromissen und Abstrichen die Erkenntnis hinzu, dass ich auch ganz schön gewachsen bin. Dass ich viel gelernt habe – über mich und das Leben. Dass ich einiges verstanden habe, wofür andere erst doppelt so alt werden müssen wie ich.

Ich bin dankbar …

… mich so sehr über die kleinen Dinge im Leben freuen zu können.

… zu wissen, was ich schon alles geschafft habe, wie stark ich eigentlich bin, dass ich mir immer wieder gezeigt habe, dass ich doch wieder aufstehen kann.

…weil ich durch meine Erfahrungen früh erfahren habe, was im Leben wirklich zählt, was wichtig ist. Dass keine Substanz, kein Gegenstand, kein Titel oder Kontostand dich glücklich machen kann, wenn etwas in dir nicht glücklich sein kann.

… dass ich Dinge wie Sport, Berge, Yoga, Schreiben und Malen für mich entdeckt habe, die mir gut tun, die mir dabei helfen, nicht wieder in die Dunkelheit zu fallen.

… dafür, dass die Borderline mich so empathisch, so leidenschaftlich, so kreativ macht und dafür sorgt, dass es mit mir nie langweilig wird.

… dass ich so viel über mich, meine Gefühle und wie und warum ich so ticke, wie ich ticke, lernen durfte.

… in der Therapie so viele Skills, Fähigkeiten und Fertigkeiten gelernt habe, die mir bis heute dabei helfen, mit schwierigen Situationen umzugehen und so ein glücklicheres Leben zu führen.

… wie sehr Achtsamkeit mein Leben verändert hat, wie viel näher ich heute bei mir bin, wie sehr sich mein Verhältnis zu mir verändert hat.

… für die vielen, tollen Menschen, die ich durch meine Begleiter kennenlernen durfte.

… heute mehr und mehr das Leben führen zu können, das zu mir passt – statt zu versuchen, mich dem Leben anzupassen.

… und ganz besonders dankbar bin ich dafür, dass ich heute anderen Menschen dabei helfen kann, anders und besser mit ihren eigenen Erfahrungen umzugehen – einfach nur, weil ich offen mit meinen Erkrankungen und meiner Geschichte umgehe.

Fluchen erlaubt

Ganz schön lange Liste? Aber hallo! Und Nein, ich will damit nicht sagen, dass ich froh bin, krank zu sein oder dass man an allem immer nur das Positive sehen soll. Denn natürlich fluche ich – bis heute – oft, wünschte mir, hier und dort anders zu sein, es einfacher zu haben. Aber neben dieser Sichtweise gibt es eben mittlerweile auch die andere. Die, bei der ich mich darauf konzentriere, was gut ist. Ohne das Schlechte weg- oder kleinzureden, es zu ignorieren oder auszublenden. Das alles gehört zu mir.

Leider wird es – besonders wenn es um psychische Krankheiten geht – doch schnell einfach nur negativ. Dabei weiß ich inzwischen auch, wie viele Betroffene eine ähnliche Art der Dankbarkeit entwickelt haben. Jeder Einzelne sagt, dass sich diese Erkenntnis, dieses Gefühl nicht von heute auf morgen einstellt. Dass es ein Prozess ist, den man nicht erzwingen kann. Sondern etwas, das eines Tages da ist – und dann auch nicht mehr weggeht.

Diese «positive» Seite von Krisen und Krankheiten wird leider viel weniger diskutiert und angesprochen als all das Schlechte. Vielleicht regt dieser Beitrag den ein oder anderen von euch dazu an, auch mal ein bisschen auf die Suche zu gehen. Nach Dingen, die sich für euch positiv entwickelt haben, über die ihr froh, für die ihr dankbar seid. Und wenn ihr (noch) nichts findet, dann ist das auch okay. Dann seid ihr einfach noch auf dem Weg, habt aber jetzt ein Zwischenziel, von dem ihr wisst, dass es höchstwahrscheinlich eines Tages unerwartet vor euch liegen und ab sofort begleiten wird.

 

Dominique de Marné, Jahrgang 1986, ist mittlerweile vollberufliche Mental Health Advocate. 2013 bekam sie ihre Diagnose, startete 2015 ihren Blog Traveling | the | Borderline – TtB. Neben Aufklärungsarbeit an Schulen und bei der Polizei hält sie Vorträge, schreibt und ist mittlerweile national sowie international vernetzt und engagiert.

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