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50 – 51 – 52 – Tod.

Louisa Jung (20) studiert Medien- und Kommunikationsmanagement und hatte bisher keine persönlichen Berührungspunkte mit dem Thema Depression. Genau deshalb hat sie sich entschlossen diesen Artikel zu verfassen: Um sich und anderen Menschen Depression verständlicher und greifbarer zu machen.

Alle 53 Minuten

Alle 53 Minuten nimmt sich ein Mensch in Deutschland das Leben. Der Suizid als letzter Ausweg? Was passiert, wenn dir die Depression dein Leben entreißt?

„Ich fühle mich wie lebendig begraben. Unter einer Eisdecke. Das Eis knackt. Ich schreie. Ich hämmere mit meinen Fäusten gegen das Eis. Doch niemand hört mich. Niemand antwortet. Ich bin ganz allein. Unter mir das schwarze Nichts, das droht mich zu verschlucken. Es zieht mich an wie ein Magnet. Es reißt an mir. Zerrt an mir. Es ruft mich. Es lockt mich. Ich drohe zu ertrinken. Wie einfach es doch wäre, dem Schmerz nachzugeben und mich von der schwarzen Leere verschlucken zu lassen!“

Wie Autor Uwe Hauck eine Depression beschreibt

Dieses Gefühl erlebt Uwe Hauck, Blogger und Autor von Depression abzugeben: Erfahrungen #ausderKlapse, in einer depressiven Phase. Er sieht die Welt und doch ist sie für ihn so fern. So unnahbar. So unerreichbar. Das Gefühl einer dicken Eisdecke, die über ihm schwebt, macht es ihm unmöglich am Leben teilzunehmen, mit seinem Umfeld zu interagieren. Das Eis kapselt ihn von der Welt ab. Alles ist gedämpft, trist, dunkel und kalt.

Menschen, die wie Uwe Hauck an einer Depression leiden, fühlen sich meist vollkommen antriebslos. So beschreibt Hauck: „Ich hatte das Gefühl, keine Gefühle mehr zu haben, nur defizitär zu sein und allen zur Last zu fallen“. „Die Depression hat allerdings nicht nur ein Gesicht“, wie Amelie Schwierholz vom Verein Freunde fürs Leben e.V. berichtet.

So entwickelte Hauck im weiteren Verlauf seiner Depression noch eine generalisierte Angststörung mit häufigen Panikattacken, die wohl letztendlich in den Suizidversuch mündeten.

Depression, eine unterschätze Erkrankung

Einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) zufolge, sind in Deutschland circa vier Millionen Menschen von einer Depression betroffen. Laut der Stiftung Deutsche Depressionshilfe leidet jede vierte Frau und jeder achte Mann im Laufe seines Lebens unter einer Depression. Demnach zählt die Depression zu einer der häufigsten und, in Bezug auf ihre Gefährlichkeit, am meisten unterschätzen Erkrankungen.

Dem Autor zufolge entwickelte er seine Depression aufgrund familiärer Umstände. So erklärt Uwe Hauck, dass besonders die starken Konflikte und die Ablehnung, die er durch seine Mutter erfuhr, prägend waren. Als dann sein Vater schwer erkrankte wurde er „als fünftes Rad am Wagen gesehen, als Störfaktor“. Der weiterhin anfallende Stress und Konkurrenzkampf im beruflichen Leben vergruben ihn schließlich unter der Eisdecke, die ihn im kalten Wasser gefangen hielt und langsam von der Realität abschnitt.

Suizidgedanken als Teil der Erkrankung

Laut Prof. Dr. med. Ulrich Voderholzer wird eine Depression meist durch ein kritisches äußeres Ereignis ausgelöst. Symptome sind beispielsweise Schlaflosigkeit, anhaltende Traurigkeit, geringes Selbstwertgefühl und eine allgemeine Interesselosigkeit. Den Betroffenen ist es dabei häufig nicht möglich, sich selbstständig von ihren Symptomen zu lösen. Zudem leidet die Mehrheit an Suizidgedanken, die von 10% bis 15% aller Patienten umgesetzt werden.

Seine Erkrankung kostete Uwe Hauck am 05. Februar 2015 fast sein Leben als er, mit Schlafmitteln vollgepumpt auf ein Dach stieg. Hätte seine Frau ihn damals nicht rechtzeitig im Treppenhaus gefunden wäre der Autor heute tot. In einem Interview mit der ARD erklärte er: „Ich wollte mir nicht das Leben nehmen. Ich wollte nur dieses Leben nicht mehr haben“. Hauck versuchte den Schmerz zu ertränken – wollte das Gefühl, versagt zu haben, wertlos zu sein, loswerden. „Klar ist es einem bewusst, dass andere trauern mögen, aber insgeheim ist man sicher, der Schmerz ist weniger schlimm, als einen selbst ertragen zu müssen.“

Dem Fürstenberg Institut zufolge sterben jährlich circa 10 000 Menschen in Deutschland durch einen Suizid. Das sind mehr Tote jährlich als durch Verkehrsunfälle, Drogen und AIDS zusammen. Daraus resultiert dem Fürstenberg Institut zufolge, dass alle 53 Minuten ein Mensch in Deutschland einen Suizid begeht. Alle 5 Minuten kommt es zu einem Suizidversuch. Der Suizid zählt zur zweithäufigsten Todesursache bei jungen Erwachsenen in Deutschland, Tendenz steigend. Auffällig ist, dass zwei Drittel der Suizide von Männern verübt werden. Zudem sind 90% der Menschen, die einen Suizid begehen, psychisch krank. Von diesen 90% leiden mehr als die Hälfte an einer Depression!

Mit Therapie die Eisdecke brechen

Nach seinem Suizidversuch begab sich Uwe Hauck in psychiatrische Behandlung. Im Zuge seiner Therapie bekam die Eisdecke, die ihn so lange isolierte, langsam kleine Risse. In der Psychiatrie begann er mit dem Hashtag #ausderKlapse unbeschönigt über sein Leben zu berichten. Das Twittern seiner Gedanken, Ängste und Sorgen haben ihn letztlich zum Verfassen seines Buches geführt. Mithilfe dessen versucht er, die Aufklärung und Entstigmatisierung der Tabuthemen Depression und Suizid voranzutreiben.

Wie auch Uwe Hauck, nutzt der Verein Freunde fürs Leben e.V. die Reichweite der sozialen Medien zur Aufklärungsarbeit. „Wir wollen dort präsent sein, wo es Jugendliche und junge Erwachsene sind“, erklärt Amelie Schwierholz (Verein Freunde fürs Leben e.V.).

Mit ihren Auftritten auf Plattformen wie Facebook, Instagram und YouTube wollen sie zur Anerkennung der Depression als Krankheit beitragen, sie nahbarer und Hilfsangebote sichtbarer machen. Hilfreich ist dabei besonders die prominente Unterstützung, die sie beispielsweise durch Clueso, Klaas Heufer-Umlauf oder Julia Engelmann erfahren. Mithilfe dieser Unterstützung kreieren sie zum einen Identifikationsfiguren. Zum anderen erreichen sie damit größere und neue Zielgruppen.

Die Vision einer aufgeklärten Gesellschaft

Der Verein hat die „Vision einer aufgeklärten Gesellschaft, in der offen über diese Themen gesprochen werden kann“. Besonders von der Politik fordern sie, „dass das Thema auf die gesundheitspolitische Agenda kommt. Dass es eben kein Tabuthema ist. Dass es genau wie eine AIDS-Kampagne, Verkehrssicherheit-Kampagne oder eine Drogen-Kampagne mit großen Plakaten kommuniziert wird“. „Themen wie Depression und Suizid müssen auch plakatiert werden“!

Von der Gesellschaft wünscht sich Hauck mehr Akzeptanz der Depression als eine ernstzunehmende Erkrankung. Weniger Diskriminierung und besonders „das Bewusstsein, dass depressive Menschen nicht gefährlich oder verrückt sind“. Die Menschen müssen eines verstehen: „Die Depression ist ein Teil meiner Persönlichkeit, aber ich habe eine Depression, ich bin nicht die Depression“! Besonders wichtig ist dem Autor, dass Betroffene beginnen über ihre Probleme zu reden. „Akzeptiert die Depression als eine Krankheit, die aber nicht den ganzen Menschen ausmacht“.

Hauck ist es gelungen, die dicke Eisschicht, die ihn begrub, zu durchbrechen. Das ist leider nicht selbstverständlich! Doch es sollte selbstverständlich sein. Es sollte selbstverständlich sein, dass ein Mensch mit einer Krankheit Hilfe erfährt und nicht für seine Krankheit diskriminiert wird. Es sollte selbstverständlich sein, dass Betroffenen mit Akzeptanz und Toleranz gegenübergetreten wird. Vor allem aber sollte es selbstverständlich sein, dass wir diese Menschen wahrnehmen und unterstützen. Dann könnte es noch mehr Menschen wie Uwe Hauck geben, die das isolierende Eis durchbrechen. Machen wir es selbstverständlich, zusammen!

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