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Sprecht miteinander – Wie finde ich die richtigen Worte?

Woran hast du es als erstes gemerkt? Hat sich dein bzw. deine Partner*in, ein Freund bzw. eine Freundin oder ein Familienmitglied zurückgezogen? Wurde der Kontakt weniger und du hattest das Gefühl nicht mehr an sie ranzukommen? Vielleicht hast du bemerkt, dass sie anders war, irgendwie verändert oder traurig? Psychische Belastungen kommen oft schleichend. Traurigkeit, Ohnmacht oder Ärger werden immer mehr und fangen an, den Alltag zu bestimmen. Dann ist es Zeit, dass wir aufmerksam werden und über diese Veränderungen sprechen.

Aber wie fange ich so ein Gespräch an? Was ist, wenn der andere gar nicht darüber reden möchte? Oder ich irgendetwas Falsches sage?

Wenn du dir diese Fragen stellst, bist du hier genau richtig. Wir wollen gemeinsam verstehen, was “drüber reden” einfacher macht und wie wir Gespräche über psychische Probleme führen können.

Wie finde ich das richtige Mindset?

Du hast Veränderungen an jemandem bemerkt, die dir Sorgen machen – und was passiert? Du möchtest dem- bzw. derjenigen helfen, am liebsten sofort! Du hast das Bedürfnis zu erfahren, was im anderen vorgeht, willst mit ihm bzw. ihr gemeinsam Probleme aus dem Weg räumen, um deinen lieben Menschen wieder lachen zu sehen. Wir alle verfallen schnell in diesen “Rettermodus”. Es fällt uns nämlich wahnsinnig schwer, unangenehme Gefühle auszuhalten. Oft verleitet uns das dazu, vorschnell das Gespräch zu eröffnen und gut gemeinte Ratschläge zu geben:

“Vielleicht hilft dir eine gesunde Ernährung?”
“Du musst mehr rausgehen!”
“Meld dich doch im Tanzkurs an!”

Du ahnst es: Ratschläge wie diese kommen meistens nicht an. Damit du nicht automatisch in den Rettermodus verfällst, schaffe dir vor dem Gespräch das richtige Mindset. Überlege dir dafür einmal:

Wieso sprichst du die Veränderungen an, die dir an der Person aufgefallen sind?
Was ist eigentlich Ziel des Gesprächs?

Zum einen möchtest du vielleicht erfahren, wie ernst oder tiefgehend die Stimmungsveränderung ist. Dafür muss dein Gegenüber sich dir öffnen können. Weniger Worte von deiner Seite sind daher mehr – dazu kommen wir noch. Zum anderen willst du grundsätzlich zum Ausdruck bringen: Du bist mir wichtig! Ich bin für dich da und du kannst mir vertrauen. Achtung: Nimm allerdings auch in dein Mindset mit auf, dass du die Person nicht zum Reden zwingen kannst.

Folgende Stichworte können dir dabei helfen, dein Mindset vor und während des Gesprächs aufrechtzuerhalten:

Offenheit – Respekt – Vertrauen

Wie fange ich ein Gespräch an?

Das Mindset ist gesetzt, aber was nun? Die ersten Worte fallen dir wahrscheinlich am schwersten, denn je nachdem, wie dein Gegenüber darauf reagiert, entscheidet sich, ob ein Gespräch überhaupt zustande kommt. Bevor du die erste Frage stellst, versuche gute Voraussetzungen für das Gespräch zu schaffen. Das bedeutet, dass

  • ihr möglichst ungestört seid
  • genügend Zeit vorhanden ist
  • es ein passender Ort ist, z.B. während eines Spaziergangs

Lass dich nicht von der Angst lähmen, einen Fehler zu machen, stattdessen kannst du einfach ansprechen, was dir aufgefallen ist. Räume dabei auch die Möglichkeit ein, dass das eventuell nur deine Wahrnehmung ist:

“Vielleicht erlebe nur ich das so, aber ich habe das Gefühl, dass dich in letzter Zeit etwas bedrückt. Stimmt das?”
“Du kommst mir in letzter Zeit öfter gereizt/traurig/gestresst vor, magst du mir erzählen, was los ist?”
“Ich habe gehört, was passiert ist. Magst du darüber reden?”

Falls dir das alles schon zu “therapeutisch” klingt, kannst du dich auch heranpirschen und zunächst ganz einfach fragen:

“Wie geht es dir in letzter Zeit?”
“Wie geht es dir, wirklich?”

Worauf achte ich im Gespräch?

Erinnere dich an dein Mindset: Du möchtest, dass dein bzw. deine Gesprächspartner*in sich dir öffnet und das kann er bzw. sie nicht, wenn du im Gespräch zu viel Raum einnimmst. Das fällt uns meistens schwer, da wir helfen möchten und auch häufig davon ausgehen, bereits zu wissen, wie der bzw. die andere sich fühlt und was er bzw. sie dagegen tun könnte. Mache dir bewusst, dass deine Annahmen über die Innenwelt des anderen höchstwahrscheinlich nicht stimmen. Du möchtest etwas von ihr erfahren, daher lautet die Devise: Reden ist Silber, Schweigen ist Gold. Natürlich kannst du Nachfragen stellen, wenn du etwas nicht verstanden hast, mehr darüber erfahren möchtest oder dem anderen signalisieren willst, dass du genau zuhörst.

“Das würde ich gerne genauer verstehen. Kannst du es mir erklären?”
“Das war mir gar nicht bewusst. Seit wann geht es dir so?”
“Das klingt sehr wichtig, magst du mir noch mehr darüber erzählen?”

Die obigen Sätze kommen dir vielleicht etwas inhaltslos oder leer vor. Das liegt daran, dass sie nicht die von uns gewohnte Bewertung enthalten. Wenn du Menschen fragst, was das wichtigste am Zuhören ist, antworten sie meistens: Jemanden zu haben, der sich die Situation anhört, ohne zu urteilen.

Aber wie macht man das konkret? Hier ist eine sehr einfache, aber wirkungsvolle Strategie: Versuch dich voll und ganz auf das zu konzentrieren, was die Person sagt. Du musst nicht gleichzeitig Parallelen zu deinem eigenen Leben ziehen, ähnliche Erfahrungen teilen und darüber nachdenken, was du als nächstes sagen könntest. In den allermeisten Fällen ist das die beste Art des Zuhörens – für alles andere gibt es eventuell in weiteren Gesprächen Raum.

Oft taucht beim Zuhören Mitgefühl auf. Dieses Mitgefühl kann die Verbundenheit zwischen dir und deinem bzw. deiner Gesprächspartner*in vertiefen. Je nachdem in welcher Beziehung du zu dem anderen stehst, kannst du es spontan körperlich ausdrücken, zum Beispiel indem du die Hand der Person nimmst, sie in den Arm nimmst oder ihr aufrichtig in die Augen siehst. Achte dabei aber darauf, dass das dem bzw. der Erzählenden nicht zu viel ist. Das merkst du zum Beispiel daran, wenn er bzw. sie deinem Blick ausweicht. Du kannst auch Worte für dein Mitgefühl finden, zum Beispiel:

“Ich kann gut verstehen, dass du dich so fühlst.”
“Das muss gerade wahnsinnig schwer sein.”
“Das kann ich gut nachvollziehen, mir würde es genauso gehen.”

Was tun, wenn das Gespräch ins Stocken gerät?

Gerade, wenn man über ernste Themen spricht, ist es ganz normal, dass dein Gegenüber nicht plaudert wie ein Wasserfall. Deshalb gilt: Keine Panik, wenn der Gesprächsfluss abebbt. Falls du die Stille unangenehm findest, kannst du eine Frage stellen und sehen, ob ihr den Faden wieder aufnehmen könnt.

“Wie geht es dir damit?”
“Wie war das denn für dich?”
“Kannst du sagen, was dir im Moment gut tun würde?”

Wenn du denkst, dass ein guter Anfang gemacht ist und die Pause darauf hindeutet, dass es besser wäre, das Gespräch zu einem anderen Zeitpunkt weiterzuführen, kannst du ein Angebot dafür machen. Vielen Menschen, denen es psychisch besonders schlecht geht, fällt es schwer, von sich aus zu formulieren, was sie brauchen. Manchmal hilft es dann Vorschläge zu machen oder die Person zwischen zwei Alternativen entscheiden zu lassen.

“Soll ich dich vielleicht am Sonntag anrufen oder kann ich vorbeikommen?”
“Wir könnten nächste Woche noch einmal einen Spaziergang im Park machen oder möchtest du lieber ins Café?”

Hast du das Gefühl, dass dein bzw. deine Gesprächspartner*in sich unwohl fühlt, dir nichts mehr erzählen möchte oder die Zeit dafür einfach noch nicht reif ist, kann das für dich schwierig auszuhalten sein. Am liebsten möchtest du “nachbohren”. Leider ist es aussichtslos in diesen Fällen mit Druck vorzugehen und im schlimmsten Fall verbaust du euch damit die Chance, dass ihr ein andermal ins Gespräch kommt. Bringe stattdessen Dankbarkeit, Akzeptanz und deine Bereitschaft zur Geduld zum Ausdruck.

“Danke, dass ich dich das fragen durfte und ich verstehe, wenn du da gerade nicht drüber reden magst.”
“Schade, ich hätte gerne gewusst, was dich bedrückt. Sprich mich gerne an, wenn du es mir erzählen möchtest.
“Ich bin jederzeit für dich da.”

Doch nicht nur die Grenzen deines bzw. deiner Gesprächspartner*in gilt es zu respektieren. Achte auch auf deine eigenen Grenzen! Wenn du dich mit der Problematik des anderen überfordert fühlst und deshalb gar nicht weißt, was du noch sagen sollst, ist das kein Versagen. Du unterstützt den anderen dann am besten, indem ihr gemeinsam überlegt, wie es weitergehen könnte.

“Leider kenne ich mich da nicht ausreichend aus. Was meinst du, sollen wir dir gemeinsam Unterstützung suchen?”
“Wen könnten wir fragen, der mehr darüber weiß?”

Gerade beim Thema psychische Erkrankungen ist es wichtig, sich professionelle Hilfe zu suchen. Es wird nicht von dir erwartet, dass du dich mit den Problemen genau auskennst oder weißt, was zu tun ist. Dafür gibt es Profis und deren Hilfe kann und sollte man in Anspruch nehmen.

Wie beende ich ein Gespräch?

Bedanke dich für das Vertrauen deines bzw. deiner Gesprächspartner*in. Es ist nicht selbstverständlich, dass sich eine Person öffnet und diese Wertschätzung zum Ausdruck zu bringen, gibt euch beiden ein gutes Gefühl. Auch wenn die Person geäußert hat, dass sie noch nicht über ihr Problem sprechen möchte, ist das eine ehrliche Antwort, die eine Beziehung stärken kann.

“Ich bin froh, dass du so offen zu mir warst.”
“Danke, dass du mir dein Vertrauen schenkst.”
“Ich finde es gut, dass du ehrlich warst.”

Wenn du ein gutes Gefühl hast, kannst du gerne ein Angebot für ein weiteres Gespräch machen.

“Wenn du magst, lass uns bald wieder sprechen.”
“Ich würde mich freuen, wenn du mich auf dem Laufenden hältst.”

Egal, wie euer Gespräch verläuft, daran solltest du immer denken:

Sich verstanden zu fühlen und gesehen zu werden, ist eine heilsame Erfahrung.
Alleine, dass du die Bereitschaft zeigst, die Empfindungen, Gedanken und Motive der anderen Person besser verstehen zu wollen, kann sich positiv auswirken.

Top 5 Key Takeaways für die Gesprächsführung

  1. Mindset is everything: Offenheit, Respekt, Vertrauen
  2. Sprich an, was DU wahrnimmst
  3. Schweigen ist Gold
  4. Achte auf deine und die Grenzen des anderen
  5. Mache alternative / weiterführende Angebote
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