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Das ist ja wohl eine Unverschämtheit – Ein Podcast mit Geschichten von Suizid-Hinterbliebenen

Elisa Roth, 44 Jahre, hat fast 15 Jahre als Kostümbildnerin beim Fernsehen gearbeitet, bevor sie ihr eigenes Label Liesken gründete. Und Elisa hat auch einen Podcast: Vor zwei Jahren begann sie mit den Aufnahmen für „Das ist ja wohl eine Unverschämtheit“, in dem sie Betroffenen und Hinterbliebenen von Suizid eine Plattform gibt, ihre Geschichte zu erzählen.

Welchen Bezug hast du zu Suizid und Depression?

Meine Mutter hat sich 2002 das Leben genommen – da war ich 27. Dass sie ihr ganzes Leben lang depressiv war, habe ich, wenn ich ganz ehrlich bin, nicht bewusst wahrgenommen. Sie war einfach wie sie war. Da man als Kind und Heranwachsende keinen Vergleich hat, denkt man, so wie man es zu Hause erlebt, ist es normal. Dass das alles andere als normal war, habe ich erst nach ihrem Tod verstanden.

Als ich Anfang 20 war, hat sie mir von einem früheren Suizidversuch erzählt – mit dem Beisatz: Wenn sie es noch einmal probiert, solle ich wissen, dass es nicht meine Schuld sei. Seitdem habe ich in ständiger Angst gelebt. Ich habe immer sofort gespürt, wenn es ihr nicht gut ging. Als Depression habe ich ihr Verhalten und ihren Gefühlszustand allerdings nie verstanden. Ich wusste nichts über die Krankheit und konnte diese schon gar nicht in Zusammenhang mit meiner Mutter bringen.

Wie ist die Idee zu deinem Podcast entstanden?

Vor zwei Jahren fing ich an, meine Geschichte aufzuschreiben. Zum einen für mich selbst, zum anderen aber tatsächlich auch um sie als Buch zu veröffentlichen. Denn dass da ein unbeschreiblicher Aufklärungsbedarf besteht, war mir inzwischen klar geworden.

Ich selbst habe zum ersten Mal gemerkt, was es für eine Offenbarung sein kann, die Geschichte anderer Betroffener zu hören, als ich das Buch „Papa hat sich erschossen“ von Saskia Jungnikl gelesen habe. Beim Lesen habe ich mit dem Bleistift dagesessen und fast jeden Satz unterstrichen, weil ich immer nur dachte: „Ja! Ja, ganz genau so ist es!“ Ich war so froh, zu merken, dass ich mit meinen Gefühlen, ‚verrückten‘ Verhaltensweisen und Gedanken nicht allein bin.

Seit einiger Zeit bin ich ein riesiger Fan von True-Crime-Podcasts. In einer Episode ging es um einen Fall, in dem sich jemand das Leben genommen hatte. Daraufhin habe ich recherchiert, ob es einen Podcast gibt, in dem es ausschließlich um Suizid geht. Und zwar nicht als Erzählungen, sondern echte Berichte von Betroffenen. Ich bin weit und breit nicht fündig geworden.

Daraufhin habe ich kurzerhand ein Mikrofon bestellt, mich in die Podcast-Technik eingearbeitet, mein Manuskript eingesprochen – denn bisher hatte ich ja nur meine eigene Geschichte –, alles hochgeladen und eine Website, Instagram- und Facebook-Seite gebaut. Alles innerhalb von zwei Tagen.

Um andere Betroffene zu finden, die mir ihre Geschichte im Podcast erzählen wollen, habe ich mich an den Verein AGUS gewandt. Sie haben mich sofort unterstützt: 700 Flyer wurden in allen Gruppen deutschlandweit ausgelegt, alle Teamleiter wurden informiert und ab da an lief alles wie von selbst. Es haben sich so viele gesprächswillige Betroffene gemeldet. Die Reaktionen – auch auf die ersten beiden Folgen, in denen ich meine Geschichte erzähle – waren in jeglicher Hinsicht überwältigend.

Welchen Ansatz verfolgst du mit deinem Podcast?

Was diesen Podcast ausmacht, ist, dass alle Protagonisten echt sind und sie ihre eigene Geschichte mit ihren eigenen Worten erzählen. Echter und näher kann man als Zuhörer*in kaum an der Thematik dran sein. Dabei schreibe ich natürlich niemandem vor, was er bzw. sie erzählen soll. Jede*r entscheidet selbst, was aus ihrer bzw. seiner Sicht wichtig und erzählenswert ist und womit sie sich wohlfühlen.

Ich stelle es denen, die ihre Geschichte mitteilen wollen, frei, ob sie mir in einem Gespräch alles erzählen oder ob sie ihre Geschichte aufschreiben und ich diesen Text dann vorlese. Beide Varianten finde ich toll, denn sie haben ihre ganz eigenen Aspekte, die dafür sorgen, dass man als Zuhörer*in nicht weghören kann.

Ich bin der Meinung, dass es für die Aufklärung über Suizid, Depression und die Folgen für Hinterbliebene unerlässlich ist, möglichst viele Menschen mit den unterschiedlichsten Geschichten zu Wort kommen zu lassen – und sie zu hören.

Denn leider ist ein ganz großes Problem für viele Betroffene, dass sie sich für das, was ihnen passiert ist und wie sie damit umgehen, schämen. Kaum jemand erzählt die ganze Geschichte, die schonungslosen Details, den vollen Umfang des Traumas. Dies liegt zum einen daran, dass sich das Umfeld selten traut, nachzufragen. Zum anderen will man als Betroffener sein Gegenüber oft schonen. Wir, die Hinterbliebenen, wollen nicht, dass sich der oder die Fragende wegen unserer Geschichte schlecht fühlt oder traurig ist.

Die Menschen, die bisher im Podcast zu Wort kamen, haben mir alle berichtet, dass sie noch nie ihre Geschichte so erzählt haben – nicht mal der eigenen Familie oder den besten Freund*innen. Es tue ihnen unglaublich gut, endlich einen Ort gefunden zu haben, an dem sie enthemmt, ohne sich über jedes Wort Gedanken machen zu müssen, all das erzählen können, was sie erlebt haben und was sie bis heute noch so sehr beschäftigt.

Wen lädst du in deinen Podcast ein?

Jeden. Ich sortiere nicht aus. Alle, die sich bei mir melden, kommen zu Wort. Jede bzw. jeder Betroffene hat die Möglichkeit, dass ihre bzw. seine Geschichte im vollen Umfang gehört werden kann. Vielleicht müssen sie eine Weile warten, um an die Reihe zu kommen – aber am Ende kommt jede*r dran.

Welche Geschichte ist dir besonders im Gedächtnis geblieben?

Jede einzelne Geschichte ist auf ihre eigene Art so schrecklich, traurig, schlimm, lebensverändernd und weitreichend. Kein Autor oder keine Autorin dieser Welt könnte sich alle diese Geschichten ausdenken – so komplex sind sie.

Ich denke, dass das auch das besondere an meinem Podcast ist. Es ist ein tolles Format, wie ich finde, um über Suizid und psychische Krankheiten aufzuklären. Denn da jede einzelne Geschichte auf ihre Art ‚spannend‘ und interessant ist, zieht man auch Hörer*innen an, die mit dem Thema bisher noch nie in Berührung gekommen sind. Und selbst wenn manch eine*r nur aus Sensationslust beim Podcast landet, würde ich das nicht einmal schlimm finden, denn auch bei diesen Hörer*innen werden die Geschichten etwas auslösen, sie aufklären oder zum Nachdenken anregen.

Was berührt dich besonders im Gespräch mit deinen Gästen?

Was mich am meisten berührt, ist zu merken, wie sehr sich meine Gäste danach sehnen, endlich gehört zu werden. Sie haben das Gefühl, dass ihnen bisher nie jemand so richtig zugehört hat. Oder sie haben sich nie getraut, alles zu erzählen. Es macht mich unendlich traurig, wie sehr alle mit aller Kraft strampeln, um endlich an die Oberfläche zu gelangen und wieder atmen zu können.

Auch die unendliche Erleichterung, die nach unserem Gespräch bei ihnen eintritt, bewegt mich. Man spürt die Befreiung, die sie empfinden, endlich mit einer ebenfalls betroffenen Person völlig unverblümt und schonungslos sprechen zu können, außerhalb einer Selbsthilfegruppe oder einer psychotherapeutischen Praxis.

Schaffst du es, bei jeder Aufzeichnung mit einem positiven Gefühl herauszugehen?

Absolut, ich habe ausschließlich positive Gefühle danach. Sowohl meine Gesprächspartner*innen als auch ich sind nach einer Aufzeichnung von einem Hochgefühl erfüllt, das nur schwer zu beschreiben ist. Ich habe neulich versucht es so auszudrücken: Es fühlt sich an, als sei man nach langer Zeit aus dem Gefängnis entlassen. Oder als ob endlich ein Knoten geplatzt sei.

Die Freude darüber, sich gegenseitig allein durch seine Anwesenheit und das Teilen des gleichen Schicksals zu helfen, und im Gespräch nichts erklären oder zurückhalten zu müssen, beflügelt einen unglaublich. Es ist wahnsinnig schön, zu hören und zu merken, dass man nicht alleine ist.

Die Gespräche sind da wirklich absolut einzigartig. Wenn ich Texte zugeschickt bekomme, ohne den Verfasser oder die Verfasserin persönlich zu kennen, ist das Gefühl ein anderes. Denn hierbei hat man wirklich Wort für Wort die unbeschreibliche Tragik des Ganzen vor Augen. Das hat eine sehr viel größere Schwere als ein persönliches Gespräch. Denn hierbei hat man nur das geschriebene Wort, auf das man sich konzentrieren und verlassen kann.

Aber auch bei den Texten bin ich mir sicher, dass sie einen positiven Effekt auf den Verfasser oder die Verfasserin haben werden. Dass auch ihre Geschichte endlich erzählt wurde und nach draußen gelangen kann, lässt mich ebenso mit einem positiven Gefühl zurück.

Wie gehst du mit Gesprächen um, die dich belasten?

Es gab bisher noch kein Schicksal, das mich belastet hat. Natürlich bin ich traurig, schockiert und nachhaltig von jeder Geschichte ‚beeindruckt‘. Aber da ich den leibhaftigen Beweis vor Augen habe, dass es alle schaffen, mit dem Erlebten irgendwie zurecht zu kommen und ein den Umständen entsprechend gutes Leben zu führen, empfinde ich keines der Gespräche belastend.

Im Gegenteil: Das hinterlässt bei mir ein Gefühl der Stärke und der Kraft.

Welches Feedback erhältst du von deinem Umfeld zu deinem offenen Umgang mit dem Thema Suizid?

Das Feedback ist in jeglicher Hinsicht überwältigend. Ich habe hunderte Nachrichten von Menschen bekommen, die mir danken, mich unterstützen, mich bestärken und sich einbringen. Es fühlt sich wie eine riesige Community an – wie 1.000 Löwen, die alle hinter mir stehen. Dieses Gefühl ist absolut unbeschreiblich und ich bin jeden Tag wieder aufs Neue erstaunt, in was für ein Wespennest ich da gestochen habe! Der Bedarf, dass endlich all diese Geschichten von Betroffenen gehört werden, scheint unglaublich groß zu sein.

Von all diesen hunderten Nachrichten waren zwei nicht nett. Die Verfasser*innen waren mit meinem Format nicht einverstanden. Das kann ich aus ihrer Sicht verstehen, hat mir aber umso mehr verdeutlicht, dass ich es niemals jedem Hörer oder jeder Hörerin recht machen kann. Daher habe ich nachträglich Folge 0 aufgenommen. In dieser erkläre ich, was einen als Hörer*in erwartet und was die Schwierigkeiten im Zusammenhang mit meinem Vorhaben und diesem Podcast sind.

Was wünschst du dir im Umgang mit den Themen seelische Gesundheit, Suizid und Depression?

Ich wünsche mir, dass es keine Hemmungen, keine Zurückhaltung mehr bei denen gibt, die über diese Themen erzählen möchten. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen, die mit Suizid, Depressionen oder anderen psychischen Erkrankungen nichts zu tun haben, nur so aufgeklärt werden können. Aufklärung bedeutet für mich, dass Details bekannt sind, keine Frage mehr offen ist und niemand Spekulationen anstellen muss, weil das Wissen zum Standard geworden ist.

Bisher habe ich das Gefühl, dass sich nur wenig Außenstehende trauen, nachzufragen. Und so lange keiner fragt, wird oft auch nicht erzählt. Das lässt meines Erachtens viel zu viel Raum für Interpretationen oder komplettes Vermeiden des Themas. Ich finde, für eine vollständige Aufklärung bedarf es totale Offenheit, absolute Ehrlichkeit und Authentizität. Und das ist genau das, was jeder Hörer und jede Hörerin bei „Das ist ja wohl eine Unverschämtheit“ findet.

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