0800 – 111 0 111
TELEFONSEELSORGE
Sorgen teilen. Anonym.
Täglich. Rund um die Uhr.

116 111
KINDER- UND JUGENDTELEFON
Nummer gegen Kummer. Anonym.
Mo-Sa. 14-20 Uhr erreichbar.

Soforthilfe

Wie man einen Schicksalsschlag überwindet

Foto: Isabelle Taylor via Pexels

Kristina Engel hat ihren Bruder durch einen Suizid verloren. Hier erzählt sie ihre Geschichte und wie sie es geschafft hat, den Schicksalsschlag zu überwinden und ins Leben zurückzufinden.

 

Ein Moment

Wir sind es gewohnt im Alltag stecken zu bleiben. Wir gehen zur Arbeit, treffen uns mit Freunden, machen unseren Haushalt, kümmern uns um unsere Rechnungen.
Doch niemand bereitet uns darauf vor, wenn ein Schicksalsschlag einen einholt. Plötzlich wird man aus dem Leben, was man bisher geführt hat, rausgerissen. Zumindest ging es mir so , als ich erfahren habe, dass mein Bruder sich suizidiert hat.
22.06.2017. Das Datum hat sich in mein Gedächtnis eine Zeit lang so sehr eingeprägt, dass ich es lange nicht mehr los wurde und ständig daran denken musste. An diesem Tag habe ich auf der Kinderintensivstation gearbeitet und hatte Frühschicht, das heißt, ich habe um 6 Uhr angefangen und hatte um 14 Uhr wie geplant Feierabend .
Mein damaliger Freund kam kurz vor Feierabend zu mir auf Station und hat mich abgeholt, musste mir erzählen, was passiert ist, da ich auf der Arbeit nicht an mein Handy gegangen bin.
Meine Mutter hatte schon versucht, mich zu erreichen, was ich natürlich zu spät gesehen hatte.
Ich brach zusammen. Weinte. Ich konnte mir das einfach nicht vorstellen.
Mein Bruder war nicht mehr da.
Es war ein Moment, den ich ihn meinem Leben nicht mehr vergessen werde.

 

Ein Film

Was danach kam, ist ein Gefühl, wie in einem Film zu sein. Ich realisierte
erstmal nicht, dass es wirklich passiert war. Und dieser Film lief in Dauerschleife. Tag für Tag erlebte ich ein und den selben Tag von vorne. Jede Stunde, jede Minute davon konnte ich wiedergeben.
Und ich war überfordert. Ich war am Ende meiner Ausbildung zur
Kinderkrankenpflegerin und hatte Prüfungen vor mir, die ich ablegen musste.
Zwar hatte ich mich eine Woche krank schreiben lassen, bis nach der Beerdigung, aber für mich war an lernen, Schule, arbeiten auf Station überhaupt nicht zu denken. Dann plötzlich starb mein Onkel an einem Herzinfarkt, zwei Wochen nach der Beerdigung meines Bruders. Eine zweite Beerdigung. Wieder Trauer.
Wenn ich jetzt daran denke, weiß ich nicht, wie ich das alles geschafft habe.
Ich war in einem Überlebensmodus. Es gab auch einen Punkt, an dem ich die Ausbildung abbrechen wollte, weil ich mit der Gesamtsituation nicht umgehen konnte. Meine damalige Klassenlehrerin hat mich darin bestärkt, weiter zu machen. Also hab ich es geschafft.

 

Auswirkungen

Der ständige Stress, den ich erlebt habe, wirkte sich auf meine Psyche aus.
Ich hatte Monate lang Albträume. Habe mir so oft die Frage „Warum?“ gestellt, wieso er den Suizid begangen hat. Habe mir selbst die Schuld gegeben an Ereignissen, die passiert sind. Situationen immer wieder in meinem Kopf nachgespielt, was die letzten Tage, Wochen, Monate geschehen ist, warum er das gemacht haben könnte.
Hinzu kam die Sorgen um meine Eltern, da es ihnen verständlicherweise nicht gut ging. Und nicht zu vergessen eine starke Angst, dass wieder etwas Schlimmes passiert. Vor allem meinen Eltern und Menschen in meinem Umfeld. Alles endete in einer Depression. Starke Müdigkeit, Schlappheit, Lustlosigkeit, Gereiztheit traten auf.
Selbst mein Examen, was ich trotz allem geschafft habe, konnte ich nicht
genießen, ich fühlte keine starke Freude oder Glück. Ich
dachte, dass ich es nicht verdient hätte zu Feiern. Und dass ich es nicht verdient hatte, das Examen zu bestehen. Schlussendlich hat der Suizid meines Bruders mich, meine Beziehung mit meinem damaligen Freund, meine Eltern, meine ganze Familie beeinflusst. Als Angehöriger fühlst du dich machtlos, überfordert. Der Tod eines geliebten Menschen ist einfach nur schlimm. Aber zu wissen, dass jemand sich dazu entschieden hat zu gehen, ohne
sich zu verabschieden (so war es bei meinem Bruder zumindest, er hat keinen
Brief hinterlassen) ist belastend.

Was habe ich falsch gemacht ?
Was denken wohl die anderen über uns ?
Wieso hat er /sie nicht mit uns gesprochen ?
Vielleicht kommen diese Fragen jemandem bekannt vor. Bei mir waren sie
ständige Begleiter.

 

Stärke

Ist es eine Schwäche sich Hilfe zu holen? Musst du dich dabei schlecht fühlen, wenn du eine Therapie machst? Natürlich nicht. Im Gegenteil. Es erfordert viel Stärke und Mut.
Das Ziel ist erst einmal zu erkennen, dass man Hilfe braucht. Allein das ist ein großer Schritt. Der Richtige ist dann, sich helfen zu lassen und Hilfe annehmen zu können. Es ist keine Schande, eine Therapie anzufangen oder sich sogar stationär behandeln zu lassen.
Ich habe beides gemacht und es hat mir auf meinem Weg geholfen.
Nach den ganzen Ereignissen hatte ich mir keine Pause erlaubt, habe viel
gearbeitet und immer weiter gemacht, doch der ausschlaggebende Punkt waren eigene Suizidgedanken, die nicht nachgelassen haben.

Die Entscheidung, eine Therapie anzugehen, vor allem stationär, war schwer.
Doch es war für mich ein Wendepunkt. Zumindest der zu erkennen, was ich ändern kann, dass das Leben, so wie es jetzt ist, nicht weiter gehen muss.
Ich habe mich als Person weiter entwickelt. Gelernt, Methoden anzuwenden, die mir helfen, wenn es doch Tage gibt, an denen es mir schlecht geht.
Sogar meine Vorliebe für Sport kam wieder. Schon im Kindesalter habe ich Leistungssport gemacht. Ich habe es aber mit den Jahren dann schleifen lassen und in der damaligen Beziehung gar keinen Sport mehr gemacht.
Aber alles kam wieder. Ich hatte Lust, ins Fitnessstudio zu gehen, habe angefangen, zu Joggen und Yoga zu machen. Yoga ist eine der wichtigsten Sportarten für mich geworden. Es bringt mir unglaublich viel. Ich habe dadurch zu mehr Gelassenheit und ein Stück weit mehr zu mir selbst gefunden. Durch Yoga kam ich dann zur Mediation, was eine wunderbare Methode ist, um aus dem stressigen Alltag zu entfliehen und negative Gedanken los zu werden.

 

Leben

Egal wie schwer eine Situation sein mag: Es gibt immer einen Ausweg.
Es liegt an dir, wie du mit der Situation umgehst.

Entscheidest du dich für das Leben, hast du gewonnen.
Dann kommt alles Positive zu dir, glaube mir.
Vertraue auf dich. Vertraue auf das Leben.

nach oben