Mareice Kaiser über Armut, Einsamkeit und die Frage der Verantwortung
Foto: Jana Rodenbusch
In der zweiten Folge von „Kopfsalat“ zum Thema Einsamkeit spricht Moderator Sven Haeusler mit der Journalistin, Autorin und Moderatorin Mareice Kaiser über die strukturellen Ursachen von Armut. Gemeinsam gehen sie der Frage nach, warum Einsamkeit kein rein individuelles Gefühl ist, sondern tief mit gesellschaftlichen Bedingungen zusammenhängt.
Mareice Kaiser hat für ihre Arbeit über Jahre viele Gespräche mit armen und reichen Menschen über ihre Lebensrealitäten geführt. Sie beschreibt die daraus gewonnenen Erkenntnisse und schnell wird klar: Armut ist mehr als ein Mangel an Geld. Sie beschreibt, wie finanzielle Einschränkungen Möglichkeiten begrenzen und das oft schon früh im Leben – etwa bei Bildung, kultureller Teilhabe oder der Entdeckung und Entfaltung eigener Talente. Diese Unterschiede sind für sie nicht zufällig. „Armut ist ein politisch gemachtes Problem“, sagt sie und stellt damit die weit verbreitete Erzählung infrage, dass Leistung allein über Lebenswege entscheidet.
Sie macht zudem deutlich, wie stark Armut in unserer Gesellschaft mit Schuldzuweisungen verknüpft ist und welche Folgen das hat: „Armutsbetroffene Menschen werden beschämt und Scham macht einsam.“ Wer sich schämt, ziehe sich zurück, spreche weniger über die eigene Situation und verliere zunehmend den Anschluss. Einsamkeit entsteht im Kontext von Armut so nicht durch fehlende Kontakte, sondern durch das Gefühl, nicht dazuzugehören und sich nicht zeigen zu können.
Dabei zeigt die Journalistin auch, wie eng Armut, gesellschaftliche Narrative und Selbstwahrnehmung miteinander verwoben sind. Wenn Menschen tief verinnerlichen, selbst verantwortlich für ihre Lage zu sein, beeinflusst das nachhaltig ihr Selbstwertgefühl und ihre Handlungsfähigkeit. Rückzug, Isolation und eingeschränkte Teilhabe führen in einen Kreislauf, aus dem es schwer auszubrechen sei. Mareice Kaiser plädiert deshalb für einen Perspektivwechsel: weg von individuellen Schuldfragen, hin zu strukturellen Lösungen und mehr gesellschaftlicher Verantwortung im Umgang mit Armut und Einsamkeit.
Diese Folge ist Teil unserer Sonderedition Einsamkeit. Diese Staffel wird durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMBFSFJ) gefördert.
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