Heute ist Freitag. Das ist grundsätzlich schonmal eine schöne Sache!

Nach meiner letzten Kolumne erreichte mich eine Email, in der nur ein einziger Satz stand: „Lieber Herr Holstein, tolle Kolumne heute – aber was ist mit Sex?“.
Ja. Was ist denn eigentlich mit Sex? Woody Allen, der ja bekanntlich (fast) alles weiß, schrieb einmal: „Liebe ist die Antwort auf alles, aber bis man sie gefunden hat, stellt der Sex ein paar ganz gute Fragen.“ Allerdings irrt Herr Allen an dieser Stelle. Erstens ist bekanntlich nicht Liebe, sondern „42“ die Antwort auf alle Fragen. Und zweitens klingt dieses Zitat so, als würde der Sex aufhören Fragen zu stellen, wenn man die Liebe gefunden hat.
Ist aber nicht so. Im Gegenteil. Aber warum könnte das so sein? Sollte der liebe Gott, Mutter Natur oder zumindest mal die menschliche Hormonwelt nicht eigentlich alles so eingerichtet haben, dass wenn der ersehnte Partner sich schließlich willig zeigt, alles von selber läuft?
Wie immer kann ich Ihnen bereits an dieser Stelle sagen: Es ist nicht einfach. Ebenfalls bereits vorweg: Super – Einfach ist langweilig! Schauen wir doch zunächst mal, was die „Kollegen“ so raten: Eine kurze Recherche in zahlreichen Texten zum Thema Bettsport zeigt: Viel klüger scheinen die Experten auch nicht zu sein. Ratschläge gibt es aber viele. Die Theorien reichen von „Gemeinsamkeiten stärken“ bis zur gutgemeinten Hoffnung, Nähe durch Distanz zu erzeugen. Und was die horizontale Gymnastik angeht, so möge sie doch bitte entweder „einfühlsam und vertraut“ oder „hemmungslos und schmutzig“ sein. Und das bitte mindestens 3x in der Woche. Obwohl auch hier die Empfehlungen zwischen täglich mehrmals und „selten, aber gut“ schwanken.
Spannend finde ich ja immer die Argumentation, dass „in unserer Gesellschaft“ keine Tabus mehr existieren und man daher doch bitte gleich das volle Programm einplanen möge. Sozusagen das Maxi Menü mit Getränkeupgrade und großen Pommes. Auch, wenn ich gerade nur Appetit auf einen Apfel als Zwischenmahlzeit habe?

Bevor sich nun ein falscher Eindruck einschleicht: Ich persönlich halte allgemeine Regeln – nicht nur dieses Feld betreffend – für Schwachsinn. Neulich stand ich auf der Autobahn von Berlin nach Hamburg im Stau. Und neben mir stand ein Schild, dass es an dieser Stelle erlaubt ist, 120 Km/h zu fahren. Es ist erlaubt. Also los?
Vermutlich ist es manchmal gar nicht so verkehrt, doch situativ angepasst zu agieren.
Viel interessanter ist für mich eine andere Frage: Könnte es sein, dass beim Sex, genau wie bei der Partnersuche, der Beziehungsgestaltung und der Berufswahl meine Vorstellung, von dem was ich eigentlich machen „müsste“ und dem, was ich machen möchte, nicht immer ganz übereinander passen?

Immer wieder taucht in Gesprächen die Frage auf „Darf ich meinem Partner sagen, was ich mir wünsche?“ Ja, na klar! Ohne wird es schwierig, es sei denn, sie haben einen Gedankenleser als Partner. Und das ist ja hoffentlich nicht der Fall. Allerdings steht es dem Partner zu, je nach geäußertem Wunsch mit Lachen, Wut oder Tränen zu reagieren. Schwer zu sagen, was die unangenehmste Reaktion ist. Am Ende des Tages ist es vermutlich am klügsten, einfach mal seine Wünsche und Abneigungen beim gewählten Partner anzumelden und zu gucken, was er oder sie so dazu sagt. Schließlich wollen wir doch alle Freude am Sex haben und sicher sein, dass die Mitspieler uns genießen – und nicht nur die Show, die wir ihnen bieten. Sollten Sie jetzt denken „einfach sagen, was ich will und was nicht, das mag bei einem One-Night-Stand gehen, aber nicht beim Partner“, so unterliegen Sie einem ganz gewaltigen, aber klassischen Irrtum. Eine angeblich logische Begründung: „weil der One-Night-Stand ja auch sagen kann, was er mag, oder gehen kann, wenn es ihm nicht gefällt.“ Aha. Und das kann Ihr Partner wohl nicht? Sie haben sich wohl aneinander festnähen lassen und vorher dessen eigene Sexualität auf „mitspielen, ob ich will oder nicht“ geschaltet?

Und nun sind Sie allein der Hüter der Moral, der Garant für Qualität und Quantität und somit sozusagen der „Spielmacher“.
Und wofür brauchen Sie dann noch Ihren Partner?
Deshalb hier nun meine Antwort auf die Frage „und was ist mit Sex?“: Alles, worauf Sie und der geneigte Partner Lust haben. Und alles das nicht, worauf einer von Ihnen keine hat. Sonst machts nämlich keinen Spaß, sondern Kopfschmerzen.

Ein sauschönes Wochenende wünscht Dr. Phil!

 

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Das Buch zur Kolumne, die Kolumne zum Buch
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Unser Kolumnist Dr. Phil ist auch bekannt als Autor Philipp S. Holstein und hat das Buch “Glücklich werden ohne Ratgeber. Ein Ratgeber” geschrieben.

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