Heute ist Freitag. Das ist schonmal eine feine Sache.

We need to talk!
Eine der wesentlichen Botschaften, die wir „Freunde fürs Leben“ in unseren Kampagnen, Workshops und Beiträgen promoten, ist folgende: “Sprich darüber!“.
Aber warum tun wir das eigentlich?

Lautet die alte Weisheit nicht „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold?“.
Darauf hätte ich zwei passende Antworten:
1. „Alte“ Weisheiten werden dadurch, dass sie alt sind, nicht automatisch wahrer.
Und 2. erinnern Sie sich mal an die „Gruselabenteuer“, die Sie in Ihrer Jugend so gelesen haben. Das, was einem den Hintern rettet, wenn man von Vampiren, Werwölfen und anderen Dämonen heimgesucht wird, ist Silber (!). Nicht Gold.

Also ist Lektion eins: Wenn Ihnen ein „Dämon“, ein „Geist aus der Vergangenheit“ oder ähnlich gespenstisches im Weg steht, ist Reden das Mittel der Wahl. Natürlich lasse ich mich nicht primär von Sprichwörtern leiten, auch wenn es manchmal so scheint.
In einigen Fällen greife ich auch auf das Wissen zurück, das mir auf der Arztschule beigebracht wurde: Reden ist ein Katalysator. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Sie, wenn Sie jemandem etwas erklären, das Sie selber noch nicht hunderprozentig verinnerlicht haben, beim Erklären selber klarer werden? Das liegt daran, dass unser Gehirn, wenn es versucht, die Dinge geordnet wiederzugeben, gleichzeitig einen kleinen Sortiervorgang in unserem „Speicher“ startet. Es versucht, die „Dateien“ neu zu sortieren. Defragmentieren nennt man das bei Computern. Informationsschnippsel, die zusammengehören, werden zusammengefügt und miteinander abgelegt. Das erleichtert den späteren Zugriff. Deshalb lautet die englische Anleitung für das erlernen handwerklicher Tätigkeiten auch: „See one, do one, teach one“ Einmal zugucken, einmal selber machen, einmal jemandem erklären.
Schwupps – schon ist der Profi geboren!

Lektion zwei lautet also: Reden hilft, den Kopf zu sortieren. Warum aber sollte Reden dann helfen, um den Umgang mit psychischen Problemen zu erleichtern? Das hat noch einen weiteren Hintergrund. Reden ist nicht nur ein Katalysator. Reden funktioniert nicht, wenn Begrifflosigkeit herrscht. Durch Beschreibung und „in Worte fassen“ werden Gedanken, Gefühle oder Ängste „benannt“ und damit „fassbar“.
Und das soll helfen? Ja!
Wenn Sie in der Schule besser aufgepasst haben als ich, dann kennen Sie zahlreiche uralte Sagen, Fabeln und Märchen, die hinter einer spannenden, traurigen oder lustigen Geschichte menschliche Konflikte nacherzählen, die es seit Jahrhunderten gibt. Das gute daran, in Märchen wird häufig auch eine Lösung angeboten. Ein klassisches Beispiel ist sicherlich die Sage von „Ödipus“ (die leider keine Lösung mitliefert), die spätestens seit Siegmund Freud den meisten bekannt sein dürfte.
Die Gebrüder Grimm haben eine alte deutsche Sage für uns aufgeschrieben, die (etwas frei) so geht: Ein etwas angeberischer König behauptet, seine Tochter könne Stroh zu Gold spinnen. Unangenehmerweise lassen sich die die Zuhörer nicht so einfach überzeugen und verlangen einen Beweis. Der König sperrt das Mädel also in einem Schuppen ein und verlangt, sie solle nun mal rasch ein bisschen Gold spinnen. Ein kleines Männchen erscheint, und verlangt von der Königstochter Ihre geliebte Halskette, verspricht aber im Gegenzug Ihr für eine Nacht die Fähigkeit zu verleihen, aus Stroh Gold zu spinnen. So geschieht es. Schließlich wiederholt sich das Schauspiel noch einmal und nachdem das kleine Männlein noch den geliebten Ring der Königstochter erhalten hat verspricht der König seiner Tochter, dass sie sich verheiraten und den Hof verlassen dürfe, wenn Sie noch ein letztes Mal das Kunststück vollführt, Gold für ihn zu spinnen. Sie lässt sich, geleitet durch Ihre Hoffnungen von einer schönen Zukunft verleiten, dem kleinen Männlein in dieser Nacht für seine Hilfe ihr erstgeborenes Kind zu versprechen. Der König hält sein Wort, die Tochter heiratet, führt eine gute Ehe, aber in ihrem Hinterkopf ist immer die Angst, vor dem gegebenen Versprechen. Als nach der Geburt des ersten Kindes schließlich das böse Männlein selbiges einfordert, weint sie bitterlich und der kleine böse Kerl bietet ihr einen Deal an: Wenn die Königstochter seinen Namen errate, würde er nie wieder kommen und sie dürfe ihr Kind behalten. Die Prinzessin grübelt und grübelt. Sie versucht alle Namen zu nennen, die sie kennt, doch kann sie das Rätsel nicht lösen. Vor dem letzten Besuch des Männleins, spricht sie mit dem Volk – auch die von den Untertanen vorgeschlagenen Namen sind nicht richtig. Schließlich erscheint ein Bote, der von ihrer Not gehört hat und berichtet von einem seltsamen kleinen Männlein, dass er im Wald um ein Feuer hat tanzen sehen, das dabei sang: „Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen hol ich der Prinzessin ihr Kind – ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Rumpelstilzchen heiß!“. Die Königstochter nennt den Namen „Rumpelstilzchen“, als das Männlein kommt, um die Schuld einzufordern. Aus Zorn über den richtig genannten Namen „zerreißt es sich selbst“ und alle lebten glücklich und zufrieden….

Es ist also folgendes passiert: Die Prinzessin ist ohne viel dazuzutun in eine Situation gekommen, in der sie vieles von dem, was sie ausmachte aufgegeben hat, um den Wünschen anderer zu entsprechen. Dies schwebte lange Zeit als „Schatten“ in ihrem Kopf und manifestierte sich schließlich zu einer echten Bedrohung. Wenn sie es nur bennenen könnte, würde es ihr nichts mehr tun können. Die Prinzessin redet schließlich mit Menschen darüber, einige können ihr nicht helfen, andere schon. Als Sie endlich benennen kann, was sie bedroht, ist diese Bedrohung „entwaffnet“ und verschwindet schließlich. Lektion drei lautet also: Sprich weiter, auch wenn es nicht sofort hilft.

Natürlich habe ich mir das nicht selber ausgedacht. Grimms Märchen werden von Psychoanalytikern seit Jahren rauf und runter interpretiert. Diese Interpretation gefällt mir am besten. Interessanterweise findet Die Prinzessin zunächst keine Hilfe. Aber dadurch, dass sie darüber gesprochen hat, erfuhr der Bote von ihrem Problem und konnte ihr zur Lösung verhelfen. Das, was am Ende geholfen hat, ist also das Sprechen.

Sie glauben gar nicht, wie oft es in der Paartherapie hilft, wenn ein Partner endlich ausspricht, was ihn stört, was er oder sie sich wünscht, oder wodurch Sorge und/oder Ängste entstehen. Reden befreit und hilft, das Problem zu definieren. Sehen Sie Ihren Geist als Ihren Partner. Sprechen Sie aus, was zwischen Ihnen steht. Reden Sie sich frei.

Speak up before it’s too late!

Ein sauschönes Wochenende wünscht Dr. Phil

Weitere Kolumnen:

27.10. ein gewisser Grad an Verrücktheit schadet nicht
19.10. aus Liebe zum Spiel
12.10. tolle Kolumne – aber was ist mit Sex?
5.10. auf der Jagd nach Liebe
28.9. nobelpreisverdächtige Fehler
21.9. Die Trampelpfade im Gehirn + Selbsttest
14.9. Das Leben und das Miese-Tage-Abo
5.9. das kleine Glück

Das Buch zur Kolumne, die Kolumne zum Buch
Glücklich werden ohne Ratgeber – Ein Ratgeber

 


Unser Kolumnist Dr. Phil ist auch bekannt als Autor Philipp S. Holstein und hat das Buch “Glücklich werden ohne Ratgeber. Ein Ratgeber” geschrieben.

Teilen