Heute ist Freitag!
Das ist schon mal eine feine Sache.

Diese Woche hatte ich auf meiner Facebookseite (facebook.de/psholstein) dazu aufgerufen, Themen vorzuschlagen, die als interessant erachtet werden. Der Grund dafür war, dass ich relativ häufig per Mail Themenvorschläge erhalte, jedoch nicht auf alle eingehen kann. Deshalb hatte ich beschlossen, Demokratie zu wagen.
Und was tue ich nun? Ich setzte mich darüber hinweg. Der Grund dafür ist, dass das beliebteste Thema „Umgang mit dem Verlust geliebter Menschen“ zu einem Beitrag geführt hat, der diesen Rahmen deutlich sprengt und ich Sie bitte, mir bis nächste Woche Zeit zu geben, das ganze etwas zu straffen, sonst wird ein zweites Buch daraus.
Ein weiterer Themenvorschlag war, ich zitiere: „das Phänomen daß einige Leute im Alter keine Zufriedenheit finden können, weil ihnen als Kind alles in den A…. geblasen wurde.“ Das klingt spannend! Und ich glaube es steckt noch etwas mehr dahinter. Wenn wir mal ehrlich sind, ist es doch auch eine Genugtuung zu sehen, dass die, denen es scheinbar immer leicht gemacht wurde, am Ende (auch) nicht zufrieden sind.
Gerne zeige ich Ihnen gleich, warum das absolut logisch ist. Vorher möchte ich aber noch kurz etwas anderes anmerken. Der einzige Grund, warum diese Erkenntnis überhaupt da ist, dass Menschen dazu neigen, sich zu vergleichen. Nun könnte ich auf Kierkegaard verweisen, der sagte „das Vergleichen ist das Ende des Glücks und der Anfang der Unzufriedenheit“, aber das wäre zu einfach. Fakt ist, dass Leid, Traurigkeit und das Gefühl des „unperfekt Seins“ etwas sehr subjektives sind. Leid ist nicht vergleichbar. Genausowenig wie Freude.
Ich rate daher grundsätzlich vom Vergleichen ab. Wie schwer oder wie leicht eine Situation für einen anderen Menschen ist, kann man (leider oder Gott sei Dank?) niemals abschließend beurteilen. Doch nun zurück zum eigentlichen Thema. Denn den Wert, den etwas oder jemand für einen Menschen hat, kann man auch nicht vergleichen.

Der Engländer sagt: „to travel is better than to arrive“ (auf deutsch etwa „Reisen ist schöner als Ankommen“. Ich würde den Satz etwas abändern wollen in „Reisen ist wertvoller als Ankommen“. Vermutlich rangiert Bottrop bei den Traumreisezielen der Deutschen deutlich unter Miami weil es im Grunde nur „um die Ecke“ liegt. Nach Miami kann nicht jeder. Es ist ein ziemlicher Aufwand, dorthin zu kommen. Man muss recht viel Zeit und Geld investieren, sowie Nervigkeiten wie Einchecken, Auschecken, vergessene Koffer und nicht passende Adaptersteckdosen in Kauf nehmen. Dafür sieht es dort anders aus. Nicht viel anders als in zahlreichen tollen deutschen oder dänischen Küstenstädten, aber doch irgendwie anders. Der Aufwand, den es bedarf, dorthin zu gelangen, wertet das Ziel ganz erheblich auf.
Erinnern Sie sich vielleicht noch an meine Kolumne über „schlechte Tage“? Sie lassen uns die guten wahrnehmen und ermöglichen uns, sie zu schätzen. Nehmen wir mal an, sie müssten nur 1 Stunde mit dem Auto fahren und wären in Miami. Das würde den Reiz schon deutlich schmälern. Schließlich könnten Sie dann auch unvermittelt Ihren doofen Nachbarn dort über den Weg laufen. Außerdem wollten Sie doch „was Anderes“ sehen. Die Umstände und die Exklusivität des Reisevorganges haben also großen Einfluss auf die Wertigkeit.

Nun stellen Sie sich mal vor, Sie wünschten sich, ein eigenes kleines Häuschen zu besitzen. Mit Garten und Kamin. Sie haben ein Ziel definiert. Sie bemühen sich. Sie scheitern. Eines Tages werden Sie, solange Sie ausreichend Fleiß in Ihr Vorhaben gesteckt haben und das Quäntchen Glück Ihnen zugeneigt war, dieses Ziel erreichen. Sie sind vielleicht mehrfach gescheitert, Dinge wurden teurer als geplant, das Auto musste in die Reparatur und hat Ihren Sparplan durcheinandergewirbelt, jemand wurde krank, versetzt oder es gab eine Trennung. Aber Sie haben sich immer wieder aufgerafft. Viele um Sie herum erreichten dieses Ziel nicht. Nun sitzen Sie auf der Terrasse Ihres kleinen Traumhauses und ein Mißgeschick widerfährt Ihnen. Sie schauen sich kurz um und denken: „Ich habe eine kleine Terasse, mit einem schönen Häuschen daran. Hier bin ich ganz „ich“ und fühle mich wohl. Ich bin so oft auf die Nase geflogen, aber nun sitze ich hier – dieses kleine Missgeschick löse ich auch noch.“
Frustrationstoleranz ist im Grunde ein Muskel, der recht rasch trainiert werden kann. Sie scheitern. Sie machen weiter. Sie lernen: Man kann es überleben. Sie scheitern wieder. Sie machen weiter. Sie lernen: Ah, es geht also noch viel schlimmer. Sie scheitern wieder. Sie machen weiter. Sie lernen: Soso, es gibt also Abstufungen. Sie wissen: Ich werde immer mal wieder richtig gegen eine Wand laufen. Und: Die nächste kommt bestimmt, aber der Weg dahin bringt mich wieder ein Stück weiter. Sie kennen den Aufwand, den Sie betreiben mussten, um genau dahin zu kommen, wo Sie jetzt sind. Sie wissen, wie oft Dinge schief gehen können. Sie sind vorbereitet. Nietzsche sagte dazu „Hindernisse und Schwierigkeiten sind die Stufen, auf denen wir in die Höhe steigen“.

Derjenige, mit dem Sie sich (unsinnigerweise) verglichen haben, hat das Häuschen einfach nach der Schule geschenkt bekommen. Ist so in den Traumjob gerutscht. Der perfekte Partner ist ihm einfach über den Weg gelaufen und zeigte sich spontan und dauerhaft paarungswillig. Wie langweilig. Vor Allem aber: wie furchtbar. Diese Person muss eine unglaubliche Angst haben: Was, wenn mal etwas schiefgeht? Diese Person hat nie gelernt, dass man „Scheitern“ überleben kann. Sie hat nie erfahren dürfen, wie schön es ist, etwas mit Engagement zu verfolgen und schließlich, nach vielen Rückschlägen und Hürden zu erreichen. Sie hat nie gelernt zwischen „nicht so toll“ und „richtig scheiße“ zu unterscheiden. Der „Frustrationstoleranzmuskel“ ist nicht trainiert. Kleinigkeiten schlagen voll durch. Unzufriedenheit MUSS sich breit machen.
Friedrich Hölderlin hat das sehr schön formuliert: „Wenn ich auf mein Unglück trete, stehe ich höher.“ Und wer höher steht, hat einen besseren Überblick. Er sieht Dinge kommen und ist vorbereitet. Außerdem – und das halte ich für einen wichtigen Punkt auf Reisen wie im Leben – bietet jeder „Stopp“ die Möglichkeit, die Reisebegleiter neu zu sortieren. Immer wenn ich mal wieder eine blutige Nase hatte, trennte sich die Spreu vom Weizen. Einige wenden sich ab, weil „Scheitern“ scheinbar auch dann persönliche Schmach für manche bedeutet, wenn es ein Freund tut. Andere sind plötzlich da und bieten genau das Taschentuch und den Eisbeutel an, den man gerade braucht – obwohl man es nie erwartet hätte. Scheitern hat so unglaublich viele Vorteile, dass mein Buch während seiner Entstehung den Untertitel „Ein Plädoyer für Scheitern und Schwäche“ trug.

Im übrigen geht es – meiner Meinung nach – um den Wert, den etwas für mich hat. Nicht darum, welchen Wert es für jemand anderen darstellt. Und dieser Wert bestimmt sich durch den Weg. Die Reise dorthin. Leicht zu erreichen? Weniger Wert. Viel Aufwand? Mehr Wert. Erfolg ist nicht, irgendwo anzukommen. Erfolg ist, SELBST irgendwo anzukommen. Als „Ich“. Und diese Reise zum eigenen Glück, zur eigenen Zufriedenheit und zur Ruhe, mit Sorgen umgehen zu können, kann man nicht auslassen. Dann ist man zwar irgendwo, wo andere hinwollen, aber man ist auch irgendwer. Und das will keiner.
William Maugham, der englische Dramatiker, Schriftsteller, Arzt und Geheimagent (!) der übrigens seit der Kindheit stark stotterte, schien am Ende seines Lebens sehr zufrieden zu sein. Maugham hatte so viele schreckliche Dinge erlebt und war so oft gegen Wände gelaufen, dass er mit großer Gewissheit sagen konnte: „Viele erkennen zu spät, dass man auf der Leiter des Erfolges einige Stufen überspringen kann. Aber immer nur beim Hinuntersteigen.“ Wenn Sie sich also unbedingt vergleichen wollen: Vergleichen Sie die gegangenen Wege. Nicht die erreichten Ziele. Maugham, der, obwohl er ein brillianter Erzähler war und bereits zu Lebzeiten über 10 Millionen Bücher verkauft hatte, nie als literarisches Genie galt, fasste sein erreichtes Ziel so zusammen: „I am in the very first row of second class Writers“. Und er war stolz darauf.

Ein sauschönes Wochenende wünscht Dr. Phil

 

Weitere Kolumnen:

27.10. ein gewisser Grad an Verrücktheit schadet nicht
19.10. aus Liebe zum Spiel
12.10. tolle Kolumne – aber was ist mit Sex?
5.10. auf der Jagd nach Liebe
28.9. nobelpreisverdächtige Fehler
21.9. Die Trampelpfade im Gehirn + Selbsttest
14.9. Das Leben und das Miese-Tage-Abo
5.9. das kleine Glück

Das Buch zur Kolumne, die Kolumne zum Buch
Glücklich werden ohne Ratgeber – Ein Ratgeber

 


Unser Kolumnist Dr. Phil ist auch bekannt als Autor Philipp S. Holstein und hat das Buch “Glücklich werden ohne Ratgeber. Ein Ratgeber” geschrieben.

Teilen