Heute ist Freitag. Das ist schon mal eine feine Sache!

Der Showmaster und Entertainer Frank Lembke sagte einmal: „Es gibt Abendkleider, bei denen man ganz gespannt sein darf, ob die Trägerin sich erst einen Mann, oder einen Schnupfen einfängt“. Ja, Heute soll es um Kleidung gehen. Nicht um Mode. Aktuell trage ich meinen Lieblingskapuzenpullover und eine Jeans, die mich bereits seit mindestens 10 Jahren begleitet. Eine hervorragende Kombination zu der Musik von Keane, die meine Schreibtätigkeit begleitet und einer Tasse Kamillentee. Den ich liebend gerne trinke, obwohl ich gar keine Bauchschmerzen habe. Die Jeans ist übrigens so lebenserprobt, dass meine Frau nicht wünscht, dass ich Sie außerhalb meines Arbeitszimmers trage und meine Mutter besser nichts von ihrer Existenz erfährt. Warum ich Ihnen das erzähle?
Weil ich letzte Woche tatsächlich in eine Diskussion über Mode und Stil verwickelt wurde. Doch dazu später. Denn ob man es glaubt oder nicht, die Art, wie wir uns kleiden, hat unglaublich viel mit dem zu tun, was in uns vorgeht. Sie glauben, die Augen seien der Spiegel der Seele? Dann seien Sie sich sicher, Ihre Kleidung ist der Spiegel Ihrer Selbstsicht! Und interessanterweise ist dieser Zusammenhang schon wieder keine Einbahnstraße. Wer kennt diese Tage nicht, an denen die Lieblingsklamotten sich falsch anfühlen und man das Gefühl hat, „nichts anzuziehen“ zu haben? (Ja, liebe Leserinnen, das haben auch wir Kerle.) Andererseits kennt fast jeder einen älteren Herren, oder eine Dame in den besten Jahren, die, obgleich sie in einer fürchterlich kleinen Wohnung von einer unfassbar schmalen Rente leben, täglich weltmännisch Krawatte und Jacket oder einen schönen Mantel und ein Kleid anlegen. Weil es Ihnen zeigt, dass sie am Leben teilnehmen. Weil Kleidung uns – egal in welcher Umgebung – zu einem König machen kann. Kleidung und Stil sind keine Frage des Geldes!
Ich habe zwei Jahre in Ungarn gelebt, in einem Viertel, das hauptsächlich von Roma und Sinti bewohnt wurde. Dort habe ich mich sehr wohl gefühlt. Von meinen Nachbarn, die zu sechst in einer Zweizimmerwohung lebten, wurde ich einmal zu einem Hoffest eingeladen. In den folgenden Wochen wurde mir immer wieder ein Topf leckeres Gulasch vor die Tür gestellt oder ich wurde im vorbeigehen eingeladen, einen Kave oder ein Stück Kuchen mitzuessen. Als ich einmal dankend ablehnte und stattdessen eine Gegeneinladung aussprach, wurde dies mit Entsetzen abgelehnt. Ich sei schließlich ein armer Student und habe ja offensichtlich nicht einmal die Möglichkeit, mir einen robusten Anzug anzuschaffen! Man habe mich auch noch nie mit Krawatte gesehen. Das sei dem Baba schon beim Hoffest aufgefallen und man habe beschlossen, mich ein bisschen zu unterstützen. Es könne mir nicht gut gehen. Und in der Tat fiel ab diesem Moment auf, dass in dieser Familie, deren Armut offensichtlich war, niemals eines der Kinder – ganz zu schweigen von den Eltern – ohne Anzug oder Kleid, und der Baba nie ohne Krawatte auf der Straße zu sehen war. Mit Hilfe meiner Eltern schaffte ich mir damals also meinen ersten Cordanzug an. Ein anerkennendes Nicken meiner Nachbarn bestätigte, dass es eine weise Entscheidung war. Bis heute trage ich gerne Kombinationen aus groben Stoffen. Ich liebe es. Werde ich darauf angesprochen, nennen es die meisten den „verarmter englischer Landadel-Look“. In Wirklichkeit ist es eine Hommage an meine ehemaligen ungarischen Nachbarn. Und wissen Sie, was das schönste daran ist? Cord verzeiht. Dasselbe gilt für Tweed. Man könnte es hart formulieren und behaupten, ich sei zu fett für einen ordentlichen Anzug, aber das ist es nicht nur. Ich fühle mich einfach wohl in diesen Klamotten. Als ich. Und damit sind wir bei der Frage nach Einzigartigkeit und der in der letzten Woche stattgefundenen Diskussion um Stil und Charakter von Kleidung.

Ich war – mit grüner Cordhose und braunem Tweetjacket, die ich – wie ich finde – mit einer roten Krawatte und einen gelb-rot gestreiften Einstecktuch mutig abgerundet hatte, auf einer Veranstaltung, auf der die meisten anderen scheinbar gerade eine Beerdigung besucht hatten. Dunkle Anzüge, wohin man sah. Und um noch einmal auf das Thema Geld zu sprechen zu kommen: Ein schlechtsitzender 1000Euro-Anzug bleibt vor allem immer eines: Ein schlechtsitzender Anzug. Eine 90 Euro Kombination, die einem finanziell erlaubt, Ärmel und Hosen noch in adäquater Weise kürzen zu lassen, wirkt da um einiges souveräner. Und man fühlt sich wohl darin. Bei Kleidung ist es wie mit Büchern, Es ist völlig uninteressant was drauf steht, wenn das was drin ist nichts taugt. Leider ist mir der Urheber unbekannt, aber in irgendeinem Buch las ich mal den Satz „Sie trug das Kleid, wie um ihm (dem Kleid) einen Gefallen zu tun“. Fantastisch! Die Diskussion, ob meine Kleidung auf diese Veranstaltung passte, oder nicht, beendete ich übrigens mit folgender Aussage: „Oh Verzeihen Sie, ich ging davon aus, dass Sie mich eingeladen haben. Wenn Sie meinen Anzug sehen wollten, schicken Sie die Einladung doch nächstes Mal an ihn.“

„Mode“ ist etwas um das sich viele viel zu viele Gedanken machen. Es ist absurd, wenn Menschen der Mode hinterherjagen. Heinrich Heine, der soviel kluges gesagt und soviel unkluges gemacht hat (und für beides bewundere ich ihn sehr) sagte einmal „Wenn man es recht bedenkt, stecken wir doch alle nackt in unseren Kleidern“. Denn egal welches „Label“ darauf steht: Ohne Sie ist jedes Ihrer Kleidungsstücke nur ein unförmiges Stückchen Stoff. Warum wählen Sie Ihre Kleidung nicht so, dass Sie sich wohl und sicher darin fühlen? Was sind schon Konventionen? Dagmar Koller, der österreichischen Sängerin und Tänzerin, wird nachgesagt, sie habe folgenden Trick empfohlen: „Wenn man nicht sicher ist, was man zu einer Veranstaltung anziehen soll, sollte man als erster dorthin gehen. Dann haben die anderen das Gefühl falsch angezogen zu sein.“ Das gefällt mir sehr. Warum nutzen Sie dieses Wochenende nicht einmal, um mit Ihrer Kleidung Ihre Stimmung zu heben? Ziehen Sie sich fröhlich an und werden Sie gesehen. Als Sie! Oder nehmen Sie – einfach so, weil es ein schöner Tag werden soll – Ihre schönsten Sachen aus dem Schrank und kleiden sich wie für ein Fest! Meine Mutter, die obwohl sie meine alte Jeans nicht mag, ein sehr feines Gespür für Zwischentöne und Gefühle hat, empfahl mir schon als Kind „Wenn Du ein Konzert oder ein Theater besuchst, zieh Dich fein an, aus Respekt vor den Künstlern, um ihnen zu zeigen, dass Du Dich freust, dass Sie da sind.“ Wie wärs, das Wochenende wie ein Konzert zu sehen? Zeigen Sie dem Wochenende Ihre pure Freude und Dankbarkeit über seine Anwesenheit und putzen Sie sich richtig raus. Es wird es Ihnen danken. Wetten?

Ein sauschönes Wochenende wünscht
Philipp S. Holstein

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Unser Kolumnist Dr. Phil ist auch bekannt als Autor Philipp S. Holstein und hat das Buch “Glücklich werden ohne Ratgeber. Ein Ratgeber” geschrieben.

 

 

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