Heute ist Samstag. Das ist schonmal eine gute Sache.

Kennen Sie den Film „das Glücksprinzip“? Um es vorwegzunehmen: der Film ist keine besondere Granate und obwohl Helen Hunt und Kevin Spacey mitspielen bleibt das ganze etwas fad. Bei Haley Joel Osment wartet man ja eigentlich immer darauf, dass er gleich „ich sehe tote Menschen“ sagt. Passiert aber nicht. Richtig viel passiert in diesem Film insgesamt nicht, obwohl alle redlich bemüht sind, zumindest so zu tun, als könnte gleich etwas passieren. Spannend ist jedoch die Idee, die dahinter steht. Der Originaltitel „pay it forward“ bedeutet übersetzt soviel wie „zahl es voraus“. Die Autorin der Romanvorlage, Catherine Ryan Hyde, die sogar eine Stiftung ins Leben rief, um die Grundidee ihres Buches gesellschaftlich zu etablieren, hatte sich Folgendes ausgedacht: Anstatt immer nur denen, die einem Böses getan haben, einen mitzugeben, sollte es doch möglich sein, einfach mal unbekannten Menschen etwas Gutes zuzufügen, ohne eine Gegenleistung zu verlangen – und abzuwarten, ob es sich auszahlt, also im Sinne des Großen und Ganzen. Das klingt insofern logisch, als das es ja im Grunde sinnlos ist, seine Energie an Menschen zu verschwenden, die sich einem gegenüber unfein benommen haben. Dann doch lieber in neue investieren!

Im Grunde findet sich diese Idee in zahlreichen, teilweise mystisch angehauchten Lebenshilfebüchern überall auf der Welt. Aber Frau Hyde hatte sich zum Ziel gemacht, ganze Schulklassen, Kegelclubs und Abteilungen dazu zu bringen, diese Art eines „glücklichen Kettenbriefes“ durchzuziehen. Mir gefällt diese Idee. Der Grundgedanke ist so simpel, dass es schon fast zu einfach ist: Tue drei Menschen etwas Gutes. Wenn die sich bedanken wollen, lehne den Dank ab und bitte sie, stattdessen jeweils drei weiteren Menschen etwas Gutes zu tun. Klingt logisch.
Heinrich Heine hätte das vermutlich Gefallen. Er sagte: „Die Kunst des schönen Gebens wird immer seltener, sie schwindet in dem selben Maße, wie die Kunst des plumpen Nehmens und des rohen Zugreifens täglich allgemeiner gedeiht.“ Dabei freut sich doch jeder über eine unangekündigte Freundlichkeit. Ich zumindest. Und Gandhi. Der sagte nämlich „Sei Du selbst die Veränderung, die Du Dir für die Welt wünschst.“

Aber mit Vorbildern ist das ja immer so eine Sache. Wer kann heutzutage schon noch als Vorbild dienen? Dabei gibt es eine klare Antwort: Sie. Erich Kästner schrieb einmal: „Bei Vorbildern ist es unwichtig, ob es sich dabei um die großen toten Dichter, Mahatma Gandhi oder Onkel Fritz aus Braunschweig handelt, wenn es nur ein Mensch ist, der im richtigen Augenblick ohne Wimpernzucken getan oder gesagt hat, wovor wir zögern.“ Außerdem geht es ja gar nicht immer darum, Goethes Ansprüche zu erfüllen und „edel, hilfreich und gut“ zu sein. Freud zum Beispiel vermutete, dass derjenige die Zivilisation begründete, der der erste war, der statt eines Speeres ein Schimpfwort benutzte. Unsere Kultur der Menschlichkeit und des Miteinanders sieht einer der größten Denker des letzten Jahrhunderts also auf einem Schimpfwort begründet. Welches das wohl war?
Aber egal, ob es (hier Lieblingsschimpfwort einfügen) oder (hier zweitliebstes Schimpfwort einfügen) war, Fakt ist, dass also scheinbar kleine Veränderungen, ja bereits kleinste Abweichungen im menschlichen Miteinander große Folgen haben können. Warum also nicht aufs Ganze gehen und einfach mal Freundlichkeiten verteilen. Und nicht vergessen: Auch die größten Pöbeleien halten einen Raum für Höflichkeit bereit. Daher schließe ich mit einem Zitat von Johannes Brahms: „…Und sollte ich vergessen haben, jemanden zu beschimpfen, dann bitte ich um Verzeihung.“

Ein sauschönes Wochenende wünscht
Philipp S. Holstein

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Unser Kolumnist Dr. Phil ist auch bekannt als Autor Philipp S. Holstein und hat das Buch “Glücklich werden ohne Ratgeber. Ein Ratgeber” geschrieben.

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